Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 1 (März 1905)
- Date
- 1905-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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26--- 1862 uns vorbehalten." Ich möchte dies ausdrücken: „Zu dem Gedanken eines Weltschöpfers ist die Philosophie der Alten nie herabgesunken, vor diesem krassesten aller Anthropomorphismen hat sie ihr gesunder Instinkt immer glücklich bewahrt." 1847 (III, 259): Engländers Grossmutter: Alttestamentarisch aufgeschmückt, mit einer der hohenpriesterlichen ähnlichen Haube, lag sie aufgeputzt im Bett ein hageres Gerippe, der geputzte Tod, um den Hals eine drei- oder mehrfach gewundene Schnur von Dukaten, unter der Decke Edelsteine und Kleinodien versteckt haltend. Sie war nicht krank, sie stand nur blos nicht auf, um ungestört beten zu können; aus dem Beten fiel sie aber jeden Augenbück ins Fluchen, wenn sie von ihrer Schwiegertochter etwas sah oder hörte, denn sie konnte es nicht ertragen, dass ihr Sohn diese nicht nach altjüdischer Sitte als Sklavin behandelte, sondern sie liebte, sie verlangte, dass er sie eben weil er dies tat, Verstössen solle, ein Händedruck, ein freundliches Wort waren in ihren Augen todeswürdige Verbrechen, in einem Kuss, wenn er je in ihrer Gegenwart gewagt worden wäre, würde sie den äussersten Verstoss gegen die ihr schuldige kindliche Ehrfurcht erblickt haben, ein Vorzeichen des Weltunterganges. Eins der Kinder musste fast den ganzen Tag vor ihrem Bett zubringen, auf die Knie hingekauert und die Gebete nachplappernd, die sie aus ihrem hebräischen Gebetbuch ablas; Engländer selbst suchte sich dieser Pflicht zu entziehen und wurde deshalb von ihr gemisshandelt, so oft sie seiner nur habhaft werden konnte. Die ganze Familie hatte nur zwei Zimmer; das eine gehörte der Grossmutter, das andere den Eltern und den Kindern, nahm des Abends aber auch noch sogenannte Bettgäste auf. Die bitterste Armut herrschte, der Vater verdiente wenig und gab das meiste für die Alte hin, dessenungeachtet entäusserte sich diese bis an ihren Tod, den erst spät in ihrem neunzigsten Jahre die Cholera herbeiführte, nicht eines einzigen ihrer zahlreichen Goldstücke. Als sie gestorben war, reichte ihr Nachlass hin, die Verhältnisse völlig umzugestalten; ein grauenhaftes Bild.1) J) Siegmund Engländers Bekanntschaft, die bis zum Tode Hebbels wahrte, wurde von ihm in Wien 1845/46 gemacht. An der ersten Stelle, wo er im Tagebuch seiner gedenkt, nennt er ihn seinen „jungen, geistreichen Freund." Wir haben diese Beschreibung unter die historischen Urteile gereiht, obgleich sie keines ist, wohl aber einen Rückschluss offen lässt auf die Quellen, aus denen Hebbel seine generell-historischen Urteile schöpfte.