Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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114 ---•- Urquelle ist. Dieser Satz tritt nicht in einen feindlichen Gegensatz zum natürlichen Menschenverstände, er erscheint als eine geradlinige, natürliche Folgerung aus demselben. Er steht mit der Wissenschaft im Einklang. Wenn Stuart Mill zu der Ueberzeugung gelangt ist, dass das Dasein eines lebendigen Gottes als Schöpfers und Regierers der Welt auch wissenschaftlich das Wahrscheinlichste ist, so können wir getrost unseren Glauben beibehalten. Herrscht also drüben Unausgeglichenheit, ein unschöner und entstellender Gegensatz zwischen Lehre und Leben, deren Ergänzung und Zusammenwirkung erst wahre Religion begründet, so sind sie bei uns zu denkbar grösster Harmonie und Ebenmässigkeit "verschmolzen. Im Bau unserer Glaubenslehre herrscht Einheitlichkeit der Bauart, herrscht wahre Aesthetik. Auf dem Gebiete der Moral stehen sich zwei Richtungen scharf gegenüber. Die einen sehen das Ziel alles menschlichen Strebens in Armut und Entsagung, Abtötung des Fleisches, Weltflucht und in einem beschaulichen Dasein in stiller Zurückgezogenheit. Dieser Richtung gilt als Heiliger, wer ein Leben voller Entbehrung führt. Auch in das Christentum hat diese Anschauung Eingang gefunden. Nach der strengen Lehre ist das weltflüchtige Mönchtum der höchste Ausdruck der Sittlichkeit. Dem gegenüber betonen andere den uneingeschränkten Genuss irdischer Freuden. Hinein in den wirbelnden Strudel der Welt, ausgekostet ihre Wonnen, ob auch Gesundheit und Leben zugrunde gehen. Wo immer das Schöne getroffen wird, es werde nicht allein betrachtet, nein ausgekostet — und man bedenkt nicht, dass durch Uebermass das Schöne zum Hässlichen verzerrtwird. Beide Richtungen bekämpft unsere Sittenlehre. Das Judentum geht darauf aus, die menschlichen Triebe kulturfördernd zu gestalten, es bekämpft darum die Entsagung. Die menschlichen Leidenschaften sollen lebenerhaltend wirken, darum wird ihrer Zerstörung durch masslosen Genuss entgegengetreten. Unter Brücksichtigung unserer staubgeborenen Natur hat das Judentum auf der einen Seite übermässige Härten des Sittengesetzes vermieden, auf der anderen die unschönen, die Schönheit der Lebensweise entstellenden Uebertreibungen des Genusses verboten. Es hat beiden — Gesetz und menschlichem Triebe — die scharfen, inkongruenten Ecken, die unsymetrischen Kanten abgeschliffen,