Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1904-12-01 · Heft 4 (Dezember 1904) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 4 (Dezember 1904)
Date
1904-12-01
Page
[Seite] (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537631-3537635--0343-3538409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

---US dass sie sich aneinander anlehnen und zu harmonischer Einheit verschmelzen können. Ein Volk, das seiner Anlage nach keinen Sinn für Ebenmass und schöne Form besässe, hätte diese Moral nicht geschaffen. Ihr Gleichmass, ihre vollendete Schöne hat manchen Bileam zu dem bewundernden Ausruf hingerissen: Wie schön sind dein Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel. Seinen höchsten Ausdruck hat der Schönheitssinn des Judentums in seiner Messiasidee gefunden. Einst am Ende der Tage, wenn der Berg des Herrn ragt über alle anderen Berge, wird wilder Kriegslärm nicht mehr vernommen auf dem weiten Erdenrund, es werden blühende Felder nicht zerstampft von den Tritten der Rosse und Städte nicht zerstört vom grimmigen Feind. Stumpf sind die Schwerter, denn der Hass ist geschwunden. Nicht mehr gegeneinander, für einander leben die Menschen. Sie üben Recht und Gerechtigkeit und Eintracht wohnt in ihren Zelten. Mit unübertrefflichem Schönheitssinn zaubert sich die Volksphantasie den Bau der menschlichen Gesellschaftsordnung vor die Seele. In ihr gibt es keine hässlichen sozialen Unausgeglichenheiten, keine störenden Vorsprünge, welche andere Teile nicht zur vollen Wirkung kommen lassen, keine Ueberfülle auf der einen Seite, auf der andern abstossende Nüchternheit und Leere. Wie an einem vollendeten Kunstwerke, so herrscht hier Ebenmässigkeit der einzelnen Teile, d. h. soziale Gerechtigkeit. Nicht schwelgt der eine in Reichtum, während sein Nachbar am Hungertuche nagt. Nicht geniesst der eine Vorrechte, und das Recht der Persönlichkeit des Nächsten wird nicht unterdrückt. Wie an einem Kunstwerke, so fügen sich hier die Teile zu einem harmonischen Ganzen, d. h. die Menschen leben in sozialem Frieden, „sie handeln nicht verderbt und tun sich nichts zuleide auf meinem ganzen heiligen Berge." Anmut und Würde ist das Gepräge in diesem messianisehen Aufbau der menschlichen Gesellschaftsordnung. Das Judentum hat, getrieben durch die weltgeschichtliche Aufgabe, zu deren Erfüllung es von Gott berufen ist, den Geist stets höher gestellt als den Körper. Kein Wunder, dass sein Schönheitssinn nach innen gebogen ist, dass er danach strebt, das Leben zu verinnerlichen, zu adeln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.