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Der jüdische Student · 1904-12-01 · Heft 4 (Dezember 1904) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 4 (Dezember 1904)
Date
1904-12-01
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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_->-_ 113 Es wäre hohe Zeit, alles Material zu sammeln, um den Nachweis zu erbringen, dass dem Judentume von Haus aus die Fähigkeit zur Aesthetik in hohem Masse eigen war, dass wir sie stets bewiesen. Wir sind nicht so einseitig gewesen wie die Griechen, welche nur die Schönheit der äusseren Formen kannten. Das Judentum hat auch nach innerer Schönheit getrachtet. Einige — durchaus nicht erschöpfende — Bemerkungen hierüber mögen den Jnhalt des ersten Artikels über Aesthetik im Judentum bilden. Nach Jahrzehnten der Gleichgültigkeit zieht jetzt durch alle Schichten ein mächtiger religiöser Zug. Die Wissenschaft vermag das Sehnen des menschlichen Herzens nach höheren Zielen nicht zu erfüllen. Die religiöse Frage der Zukunft zu lösen, id. h. die Menschheit mit dem ewigen Wahrheitsgehalt der Religion auszusöhnen, bemühen sich die edelsten Geister unserer Zeit. Da gilt es zunächst die beiden Eeligionen zu prüfen, die auf den Gang unserer Kultur den grössten Einfluss haben: Judentum und Christentum. Wem von beiden die Palme des Sieges zufallen wird, kann uns nicht zweifelhaft sein, wenn wir sie vom Gesichtspunkte der Schönheit, der Ebenmässigkeit betrachten. Das Christentum kennzeichnet sich durch ein schrilles Missverhältnis zwischen seinen Dogmen und den Forderungen des natürlichen gesunden Menschenverstandes. Dieser kann und muss die Lehre von der Dreieinigkeit, der Menschwerdung Gottes, der Gottwerdung eines weibgeborenen Weltkindes abweisen. Mit ungezügeltem Glaubenseifer sind diese starren Sätze und andere mehr der Welt gepredigt und aufgedrängt worden. Wer geraden Verstandes sich ihnen widersetzte, verfiel Martern von teuflischer Grausamkeit, und noch ins Grab folgte ihm der Fluch der die Feindesliebe predigenden Kirche. Aber auf die Dauer hat die Orthodoxie den Ansturm freigesinnter Geister nicht ausgehalten. Was das liberale Christentum von uns trennt, sind, auf den Kern gesehen, nur faule Ausreden. Das Judentum steigt aus Verkennung zur Anerkennung. Seine Glaubenslehre fordert den gesunden Menschenverstand nicht zum Kampf heraus, weil es ein unschönes Missverhältnis zwischen beiden nicht kennt. Die glänzendsten Vertreter haben zu allen Zeiten gesagt, dass wir den letzten, einzigen und in sich einheitlichen Urgrund allen Seins nicht wissen und nicht wissen werden, dass das Ende aller Philosophie sei zu wissen, dass wir glauben müssen. Wir glauben, dass der einig-einzige Gott diese letzte

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