Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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104--- Ich glaube, wir können uns die Antwort ersparen. Aber eines muss noch gesagt werden: Das nationale Bewusstsein, das uns sprechen lässt jenes stolze, die ganze Nation umfassende „Wir" und den alten Spruch von den höchstens achtzig Jahren unseres Lebens zur Unwahrheit macht, indem es uns mitleben lässt die Jahrtausende unseres Volkes, — es bedeutet nicht nur eine Erfüllung tiefbegründeter Forderungen unserer Menschennatur, es birgt auch in sich die Kraft der Sittlichkeit. Denn mit derselben Hand, mit der es in unser Herz legt das Stolzgefühl von Millionen, in jedes einzelne Herz des ganzen Volkes seelische Macht, mit derselben Hand ladet es auch auf unsere Schultern die Verantwortlichkeit für Millionen und fordert von jedem von uns die Bürgschaft für eine würdige Zukunft unseres Volkes. Das heisst mit anderen Worten: Für den wahrhaft nationalen Menschen sind die sittlichen Masstabe grösser als für jeden anderen. Was hat sich der Weltbürger um das Weltbürgertum der Zukunft kümmern? Was ist ihm Hekuba? Ein Traum, ein Phantasiegebild, das ihn allenfalls hinwegzuheben vermag über des irdischen Kampfes grausame . Wirklichkeit. Wer aber macht ihn verantwortlich, dass das Gottesreich des ewigen Friedens noch immer nicht herannahen will? Wer wirft es ihm vor? Wir aber, die vielgeschmähten Nationalen, die Zionisten — das Elend unserer unglücklichen Brüder schreit zum Himmel gegen uns, klagt uns an, dass wir noch immer nicht geholfen haben. Jede verzweiflungsgeballte Faust eines um sein Judentum leidenden Juden ist gegen uns geballt, jeder Schmerzensschrei ist ein schrecklicher Appell an unser Gewissen und fordert von uns verdoppelte Arbeit im Dienste der Befreiung, verzehnfachten Opfermut, Hingabe, Entsagung. Und eine Idee, die solches Bewusstsein in uns weckt und lebendig erhält, verdient nicht nur einen Seitenflügel zu bilden in dem Bau unserer Seele, den aufzuführen der stolze Zweck unseres Lebens ist, sondern sie ist sogar würdig, der Grundstein zu sein, auf dem sich alles erhebt und türmet in uns, ein Grundstein von dauernder Festigkeit, weil er behauen ist mit dem Eisen der Pflicht und gesiegelt mit dem Embleme der Sittlichkeit. Und wenn wir auch heute und morgen noch nicht, und auch noch nicht in zehn oder zwanzig Jahren das Ziel erreicht haben sollten, von dessen endlicher Erreichung wir so innig tief durchdrungen sind, eines werden wir doch schliesslich erreicht haben: