Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-,--103 hervorbricht, als wo es sich um die Grenzen der Zeit handelt, die uns Menschen einengen auf gemessenen Bahnen von dem Leibe der Mutter bis zu dem Punkte, wo uns die Welt buchstäblich mit Brettern vernagelt ist, mit den sechs Brettern unseres Sarges nämlich. Geburt und Tod! Wieviel Wahnsinn und Verirrung, wieviel Angst und Verbitterung haben diese Worte schon in der Geschichte der ringenden Menschheit hervorgerufen?! Und dennoch: Der Menschengeist hat es vermocht, auch dieses erschütternden Problemes Herr zu werden. Volk und Tradition! Merkt man es endlich, worauf das hinausläuft? Ist es nicht, als ob alle Grenzen sich weiteten und zurückwichen vor dem Siegesfluge unseres Geistes? Ja, wir lebten schon, bevor unser blinzendes Auge die Sonne erblickte, wirkten schon, bevor wir die Arme aus der Wiege zu strecken vermochten, lebten und wirkten in unserem Volke. Die weisen Leute unserer Vergangenheit haben wie für so manches andere, so auch hierfür den gewaltigsten Ausdruck gefunden: „In allen Zeiten ist es Pflicht jedes Juden, sich vorzustellen, als sei er selbst aus Mizraim gezogen. Denn es heisst: Du sollst deinem Sohne an. diesem Tage so erzählen: Deshalb ist dieses, weil mir Gott Gutes getan hat bei meinem Auszuge aus Mizraim. Nicht unsere Vorfahren allein hat er erlöst, sondern er hat auch uns mit ihnen erlöst, wie es heisst: Auch uns hat er von dort heraufgeführt, damit er uns bringe in das Land, das er unseren Vätern zugeschworen und es uns gebe." Und wenn wir auch heute unserer Väter gedenken, des Matthatias und seiner Söhne, so sind wir es gewesen, die ihre Schlachten schlugen, wir haben damals für Freiheit und Vaterland geblutet, wir haben das Joch des Syrers mit aufbäumendem Trotze uns vom Nacken gebrochen, und nach errungenem Siege haben wir dabei gestanden Kopf an Kopf in den Strassen von Jerusalem, als Juda Makkabäus seinen Einzug hielt. Und ein solches Bewusstsein soll für den modernen Menschen eine taube Nuss sein, eine Null oder gar ein Minus bei der Schätzung und Berechnung der Gedanken- und Gefühlswerte, die einem Manne der Gegenwart Persönlichkeit zu geben vermag? Ein solcher Ueberlieferungssinn, der den Zirkel der Zeit, der alles menschliche Leben einschliesst, zu überfliegen vermag in Jahrtausende rückwärts, der soll dem Menschen nichts bedeuten als die Scheuklappen eines beengten Horizonts?