Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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102 - Aber ich gehe noch weiter. Wenn ich von dem dem Menschen tief eingeborenen Drange nach Macht sprach, so ist das eben der Drang nach Uebermacht. Denn was für einen Sinn hat das Wort Macht, wenn nicht dabei an einen gedacht wird, über den sie ausgedehnt wird? Und wenn ich sagte, dass die Nation diesen Drang zu stillen vermag, indem sie einem jeden den sieghaften Stolz der einigen Gesamtheit in Stirn und Nacken senkt, so meine ich: nicht dass die Nation etwas leistet, erweckt den Stolz des einzelnen, sondern dass sie mehr leistet als andere, oder doch zum mindesten etwas leistet, was andere nicht vermögen. Und in diesem Sinne werden nationales Bewusstsein und nationale Schranken bestehen bleiben, auch wenn sich einst die Zeit erfüllen sollte, dass die Völker der Erde sich zu einem einzigen grossen Bruderbunde zusammentun. Jawohl, Frieden wird sein auf Erden, aber das Ringen um die Macht wird weitergehen. Nur dass dann nicht mit Blut und Eisen, sondern im friedvollen Wettbewerb um die Krone gekämpft werden wird. Nebeneinander werden die Völker streiten und nicht gegeneinander, und der Dank der Besiegten wird der Siegespreis sein. Und nur in dieser Vereinigung mit dem Nationalismus vermag der Kosmopolitismus dem modernen Ideale von der Freiheit des Menschen zu entsprechen, der allgemeine Völkerbrei, der in den Hirnen unserer die nationalen Grenzpfähle umstürzenden Gegner spukt, ist zu morscher Impotenz verdammt, unfähig, dem modernen Menschen auch nur eine Spur von Bückgrat zu geben, gerade gut genug als Einschläferungsmittel für die Schwächlinge und Bequemlinge unserer Zeit. — Und wie steht es mit der nationalen Tradition? Unsere Gegner nennen sie ein Vorurteil, das den Fortschritt hemmt, den freien Blick umnebelt, dem modernen Ideal, das den Menschen zur Freiheit ruft, einen Knebel in den Mund steckt. Wir aber, die wir unserer Väter gern gedenken, wir wissen, warum wir so manchen Tag im Jahre der Erinnerung an unseres Volkes grosse, freiheitliche Stunden weihen, wir wissen, warum wir auch heute hier zusammengekommen sind. Es ist derselbe Grund, aus dem wir uns National]"uden nennen, nur dass sich in dieser Kundgebung unseres Volksgefühles das moderne Ideal, das der Person die Persönlichkeit kündet, eine noch tausendmal herrlichere Offenbarung findet. Ich sprach von dem Drange des Menschen nach Macht. Ich glaube aber, dass dieser Drang über die Grenzen hinaus nirgends mit mächtigerer Triebkraft