Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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--101 Bürger jenes Reiches, das alle Völker der Erde in seine unbegrenzten Grenzen fasst, wir fühlen uns als die Nationalen der einen einigen Nation des Mensehengescheehtes, und sind so die Vorboten und Wegbahner jener seligen Zukunft, da es nicht mehr Engländer, Franzosen und Juden, sondern nur noch Menschen geben wird, die sich achten und lieben, nur noch Brüder, die friedlich beieinander wohnen. Das ist unser Stolz und unser Rückgrat, und wahrlich ein stärkeres Rückgrat, als euch euer reaktionärer Nationalismus zu geben vermag." Mit einem Worte, unsere Gegner bekennen sich in der Konsequenz ihrer Anschauungen zum sogenannten Kosmopolitismus und stellen ihn hier unserem Nationalismus entgegen. Ich muss ihnen nun etwas recht Böses sagen: Ich bin in der Tat der Meinung, dass die kosmopolitische Idee, wie sie sie fassen, neben unserer nationalen Idee, wenigstens was ihre versittlichende und erhebende Wirkung auf das Individuum betrifft, etwas durchaus Minderwertiges bedeutet. Denn zunächst zeichnet sich der Nationalismus vor dem Kosmopolitismus dadurch aus, dass er sich auf etwas Reales, wirklich Vorhandenes, die Nation, bezieht, während der Kosmopolitismus heute noch ein rein in der Luft schwebendes Ideal bedeutet, eine Sehnsucht, ein unerfüllter Wunsch. Noch existiert nicht das Volk Menschheit, noch ist das Gottesreich nicht da, nicht einmal eine Liga der Kosmopoliten gibt es, die mit ihrer Fahne die Freunde zur Arbeit, zur Pflicht, zum Kampfe rufen könnte. Darum kann der Kosmopolitismus wohl im Kopfe eines bedeutenden Mannes zu etwas werden, aber stets wird es der Mann sein, der den Kosmopolitismus macht. Der Dichter wird ihn auf seine Fahne schreiben, und in seinen Liedern verherrlichen, und sind es gute und starke Lieder, so werden sie uns ergreifen — und damit fertig. Nationales Bewusstsein hingegen ist ein Begriff, der mit Nation zusammenhängt, also mit etwas tatsächlich Vorhandenem, denn noch sind die Nationen der Erde nicht zu der ersehnten einen Nation zusammengeschmolzen, noch besteht jede für sich in lebensvoller, lebensfreudiger Wirklichkeit. Da es aber in der Natur des Menschen liegt, dass er sich mit Geist und Seele mehr an reale Existenzen anschliesst als an geistige Werte, so entspricht es auch mehr der 'wahren Natur des Menschen, sich mit seinem ganzen Denken und Fühlen >'an seine stammverwandte Nation zu binden, als der kosmopolitischen Idee zu folgen, die eben bis heute nichts weiter ist •—- als eine Idee.