Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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100 -— Ich werfe eine Frage auf: Soll man angesichts dieses Kampfes eine Idee verketzern, die es nicht bloss vermag, die Gegensätze teilweise und bis zu einem gewissen Grade auszugleichen, sondern auch des Menschen königliches Ringen nach Macht aufzuheben weiss durch ein neues, eigenartiges Bewusstsein der Macht? Ja, es gibt eine Idee, die das vermag, die es vermag, einen so merkwürdigen Frieden zu schaffen, dass jeder einzelne der Kämpfer, der schwache wie der starke, noch einen Zuwachs erfährt, und die eben durch die Wirkung solchen Wunders in jeder Beziehung dem modernen Ideal von der Entfaltung der Persönlichkeit dient. Und diese Idee ist die nationale Idee. Sie mildert durch ein gemeinsames, grosses Interesse den Daseinskampf von Millionen Menschen untereinander, und sie spendet dem einzelnen das nackenstolze Bewusstsein der Macht. Denn das eben ist das tiefe Geheimnis des nationalen Gedankens, dass er durch einen festen, brüderlichen Zusammenschluss aller, dem Individuum das Hochgefühl derjenigen Macht in die Seele haucht, die der Gesamtheit innewohnt. Jetzt ist der einzelne nicht mehr der Mensch, der alleinstehende, auf die eigene schwache Kraft angewiesene, sondern er ist der Jude, der Deutsche, der Engländer. Hinter ihm steht ein Volk von Millionen, die für ihn eintreten und für ihn bürgen, und darum darf er sich berufen auf das Können und Leisten dieses Volkes, als wäre es sein Können und Leisten, und darum darf er stolz und hochgemut sein mit dem Stolze und dem Hochsinn der Gesamtheit, und indem der Spiegel seiner Seele dieses Stolz- und Kraftbewusstsein der Gesamtheit reflektiert, hat sich in ihm die herrlichste Offenbarung vollzogen: die Nation, die verschrieene, altmodische, überholte Idee, sie hat ihm Rückgrat gegeben, hat seine Individualität gestärkt, hat das moderne Ideal von der Entfaltung der Persönlichkeit in ihm der Verwirklichung näher gebracht. Ich fürchte, unsere Gegner werden sich nicht hierbei beruhigen, sondern mit noch schwererem Geschütz gegen mich zu Felde ziehen, indem sie sprechen: „Was für einen Vorzug willst du da der nationalen Idee zuschreiben? Glaubst du etwa, dass wir, die wir nationale Schranken nicht mehr kennen, bar sind jenes Machtbewusstseins? Im Gegenteil! Wohl haben wir die geistige und moralische Zwingburg des nationalen Gedankens in uns niedergerissen, aber .aus ihren Trümmern ist uns erblüht ein neuer Gedanke, ein neues, umfassenderes Ideal. Wir fühlen uns als die