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Der jüdische Student · 1904-12-01 · Heft 4 (Dezember 1904) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 4 (Dezember 1904)
Date
1904-12-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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- 99 die er erfüllen muss, auch wenn sie ihm widersprechen, der weiss schliesslich, dass auch ein Augenblick kommen kann, wo er — ich scheue mich nicht, es auszusprechen — wo er eben seine ganze Individualität verleugnen jnuss um der höheren Individualität des gesamten Volkes willen, um der sogenannten grossen Sache willen. Ich höre schon unsere Gegner aufjubeln: Da seht ihr es ja, wie Nation und nationale Tradition die ungehinderte Entfaltung aller eigenartiger Kräfte unmöglich machen, wie sie geradezu morden die Individualität des Menschen, das Höchste, was er besitzt, was er sich erworben durch Kampf und Energie, durch sein Eingen und Arbeiten an sich selbst! Gemach, gemach! Wohl kommt es dazu, dass der einzelne einen Teil seiner Individualität hingeben muss seinem Volke, vielleicht aber zahlt ihm die Nation mit Zinsen zurück, was er ihr gegeben, vielleicht liegt andererseits im nationalen Ideal eine Kraft von so grosser Individualität auslösender Fähigkeit, dass das Hingegebene mehr als aufgewogen wird?! Und in der Tat, so ist es. Denn wenn wir das moderne Ideal von der freien Entfaltung der Individualität richtig verstehen, nämlich als die ideale Möglichkeit einer ungehemmten Geltendmachung aller Anlagen des Geistes und der Seele, was sollen wir da von einer Idee sagen, die es gar vermag, die tiefen Bedürfnisse eines der stärksten unserer Triebe zu befriedigen, die es vermag, ein Minus, mit dem der unberechenbare Rechenmeister uns geschaffen, in ein mächtiges Plus zu verwandeln? Tief in der menschlichen Seele lebt der unbezwingbare Drang nach Macht. Nichts arbeitet mächtiger in uns als dieser herrische Trieb, und kein Bewusstseüi ist uns süsser als dieses! Bewusstsein des Herrentums. Der Mensch, der König der Erde, der die uralte Verheissung erfüllt hat, dass er beherrschen solle die Erde und was sie füllt, er will auch seinen Nebenmenschen beherrschen, er will ein König der Könige sein. Aber indem die Natur in eines jeden Herz diesen Tropfen königlichen Blutes hat rollen lassen, hat sie einem jeden auch schon die Grenzen seines Könnens gesetzt. Aber das Streben über diese Grenzen hinaus ist ihm geblieben und dieses Streben bricht hervor mit der ganzen Gewalt seiner Trotznatur und führt zu dem wilden Kampfe ums Dasein zwischen Mensch und Mensch, kaum gemildert durch die anerzogenen Begriffe von Gesetz und Moral.

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