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Der jüdische Student · 1904-12-01 · Heft 4 (Dezember 1904) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 4 (Dezember 1904)
Date
1904-12-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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98->— welche in einer Schellenkappe herumlaufen, die nach individuellen Noten klingeln soll und unter den bunten Lappen ihres Wamses ihr individuelles Herz „sich ausleben lassen". Von ihnen rede ich nicht. Missbrauch ist allezeit mit den Ideen der Geschichte getrieben worden und jede Zeit hat mit ihrer Mode bis jetzt auch die Narren ihrer Mode hervorgebracht. Weit gefährlicher als der Missbrauch ist der Missverstand, weil dieser sich auch der Ernsten und Ehrlichen bemächtigen kann, und hier ruht gerade bei unserem modernen Ideal die Gefahr. Wenn das Schlagwort sagt: „Jedermann soll*seine Individualität ausleben," so kann man nicht allzu schwer darin die Aufforderung zum Egoismus erblicken, zur eigensüchtigen und rücksichtslosen Verfolgung aller Zwecke, die man sich und seiner Entwicklung für dienlich hält, und selbst der Rechtliche und Brave, der niemandem etwas zu Leide tut, noch tun will, brauchte in jenem Ideal der Zeit keine Verpflichtung finden, den anderen, gerade zur Freude und zum Heile zu leben, und es wäre so Gelegenheit gegeben für einen Idealismus der bequemen Beschaulichkeit, der der Welt nicht schadet, aber auch nicht nützt, und das ist allemal der Tod eines jeden Ideals. Ich will nicht untersuchen, ob und inwieweit unsere moderngesinnten Vorwurfserheber solche Bequemlichkeitsidealisten sind, die ihr Ideal als Beruhigungsmittel nach aussen und nach innen hin benutzen, als ein homöopathisches Heilmittel, das unsere ideale Entrüstung über ihre Indifferenz durch Darbietung eines Gegenideals zum Schweigen bringen soll. Denn selbst, wenn sich das herausstellen sollte, so wäre doch ihr Vorwurf damit nicht abgetan und wir müssten trotz der Erkenntnis, dass unsere Gegner das moderne Ideal der freien Individualität gründlich missverstanden haben, uns doch mit der Frage abfinden, ob Nation und Tradition wirklich einer freiheitlichem Entwicklung des modernen Menschen im Wege stehen oder nicht. Denn das ist klar und wir geben es hier uneingeschränkt zu: Nation und Tradition sind bindende Elemente im Leben des Mensehen. Pflicht! Pflicht! Pflicht! — der Nationale, der hochhält seines Volkes Traditionen, der weiss, was für ein Klang in diesem Worte liegt. Der weiss, dass das Auge der Nation .allezeit mit Herrscherblick auf ihn gerichtet ist, fordernd und verlangend, verpflichtend und verbindend, der weiss, dass er arbeiten muss im Dienste der Nation, dass sie Zumutungen an ihn stellen darf,

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