Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1904)
- Date
- 1904-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 97 Forderung, dem Arbeiter zu geben, was des Arbeiters ist: die Arbeit und ihre volle Bezahlung, — die Kunst mit ihrer Verherrlichung des individuell Charakteristischen, mit ihrer Betonung der persönlichen Note des Künstlers, die Modephilosophie in den Bahnen Friedrich Nietzsches, die moderne Erziehung mit ihrer Rücksichtnahme auf des Kindes Eigenart, — alles ist durchsättigt und durchlebt von dem einen grossen Gedanken, dass der Mensch zur Freiheit geboren sei, dass er beanspruchen darf das Menschenrecht, das die allgütige Mutter Natur ihm in die Hand gelegt, das Recht der freien Entfaltung und Entwicklung aller seiner eigenartigen Kräfte. „Ausleben soll der Mensch seine Individualität," sagt das Schlagwort der Zeit.* Es ist ein grosses Ideal, was unsere Zeit bewegt, erschütternd gross, weil die Tatsachen unseres alltäglichen Lebens ihm noch so vielfach und mit so brutaler Gewalt ins Gesicht schlagen, dass uns modernen Idealisten das Blut in die Stirn schiesst, wenn wir nur daran denken. Und doch ein Ideal, das seinem endlichen Siege unaufhaltsam entgegenschreitet. Wie schmerzlich und wie tief verwundend muss es uns Nationale und Zionisten daher treffen, wenn uns von der Warte eines so hohen Ideals, das doch auch unser Ideal, das Ideal aller ringenden Menschen der Gegenwart ist, der Ruf entgegenschallt: Was Nation? Was Tradition? Nation, ein Joch, das den einzelnen, ehrlich strebenden Menschen aus der Für che, die der Pflug der eigenen Seele ihm zog, zurüekreisst in die Bahn, die ein sogenannter „Volkswille" ihm vorzeichnet; Tradition, ein Vorurteil, das dem frei schweifenden Blicke des Menschen die rostig gewordenen Scheuklappen längst überholter Ideen aufzwingt. Es ist ein schwerer Vorwurf, der aus diesen Worten spricht, und er trifft uns heute um so schärfer, als wir heute wieder einmal am Altare unserer Nation stehen, um einer zweitausend- (jährigen Tradition die Dankopfer unserer idealen Begeisterung aus tiefster Seele darzubringen. Versuchen wir es, die Frage, die dieser Vorwurf dringend von uns heischt, zu beantworten. Eines muss zunächst betont werden: Das moderne Ideal von der Freiheit der geistigen und seelischen Entwicklung des Menschen birgt eine grosse Gefahr in sich. Ich will hier nicht etwa von den Gecken des Geistes reden, welche das Suchen ihrer Zeit zur modischen Koketterie benutzen, von den Narrenschädeln,