Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1904-09-01 · Heft 3 (September 1904) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 3 (September 1904)
Date
1904-09-01
Page
[Seite] (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3537599-3537631-3537634--0309-3538374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

86-- Nähmaschine und ein Bügeleisen auf Kredit, c'est tout! Die Wohnung dient als Werkstatt; Arbeitskräfte findet er unter den „Grünen". Und so finden wir denn zahllose einzelne Werkstätten nebeneinander, mit gewöhnlich weniger als zehn Arbeitern. Der jüdische Arbeiter leidet besonders unter dem bekannten „Schwitzsystem" (Sweatingsystem), das allerdings bei näherer Betrachtung viel von der ihm nachgesagten Abscheulichkeit einbüsst. Der Schwitzmeister, der verhasste Parasit, — den wir aus Morris Bosenfelds „Kinder des Ghetto" kennen — der, ein Zwischenglied zwischen Arbeiter und Unternehmer, die Differenz der ihm vom Unternehmer gezahlten Summe und der an die Arbeiter gezahlten Löhne — also sein Verdienst — mit gefrässiger, unersättlicher Rachgier zu steigern sucht, er scheint nicht mehr zu sein, als eben auch nur einer der Zwischenarbeiter, zu denen das Kleidungsstück während seiner Metamorphose von den Rohstoffen zum fertigen Gegenstand gelangt. Er hat auch irgend einen Teilprozess der sehr spezialisierten Arbeit zu verrichten und sein Verdienst ist selten höher als der Lohn der anderein Arbeiter. Die Härte und Hast des ganzen Existenzkampfes zwingt auch ihn, Ellbogenpolitik zu treiben; aber es scheint, als ob der Grimm gegen den Arbeitgeber mit dessen geringerer Entfernung vom Grossunternehmer wachse. Charakteristisch für das Schwitzsystem sind jedenfalls: Unregelmässigkeit der Beschäftigung, übertriebene Stundenzahl,5) Hungerlöhne, gesundheitsschädlicher Zustand der überfüllten Arbeitsräume. Die Differenzierung der einzelnen Arbeitsarten geht soweit, dass z. B. zwischen dem Hefter, Maschinennäher, Säumer, Knopflochmacher und Bügler unterschieden wird; es gibt besondere Hefter für den Stoff, für Futter, besondere Arbeiter für das Einnähen von Aermeln und von Taschen, Spezialisten für das Bügeln von Röcken, Hosen und Westen. Auch' der jüdische Schuhmacher kann sich leicht selbständig machen, das Zwicken und Ausputzen der Stiefel beansprucht keine Maschinen oder grössere Werkstätten. Wer von einem Unternehmer einige Dutzend Paar Stiefel zum Glätten und Schwärzen' bekommt, kann mit seinen Gehilfen, die er auch hier leicht bei Im Durchschnitt 13—14 Stunden, nicht selten 16—18; auch 18—20 kommen vor. Es wird sogar von einzelnen Fällen erzählt, wo in der Saison mit kurzen Unterbrechungen 48 Stunden hintereinander gearbeitet wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.