Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 3 (September 1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-75 so sehr für die Stammesgeschiehte der Griechen interessieren, wenn sie nicht die Träger der Kultur gewesen wären, die wir als Hellenentum bezeichnen, aber sie sind sicher nicht deswegen zu grnnde gegangen, weil sie ihre ästhetische Mission erfüllt hatten, sondern weil ihre nationale Lebenskraft dem Ansturm der äusseren Feinde nicht gewachsen war. Jedenfalls wäre es keinem Griechen eingefallen, den Untergang seiner Nation aus! dem Wesen des Hellenentums zu folgern jind zu empfehlen. Man kann also dem Verfasser in seiner Darstellung der jüdischen Geisteswelt völlig recht geben, man kann ihm zugestehen, dass die Alleinherrschaft der Ethik ein wesentlicher Zug des! Judentumes ist, und dass' sie vor allem dem Volke die Kraft gab, seine Existenz durch Jahrtausende der Verfolgung aufrecht zu erhalten; eine Schlussfolgerung für oder gegen das Fortleben der Kasse kann er daraus nicht ziehen. Wenn er der Meinung ist, dass die Bevorzugung der ethischen Faktoren gegenüber den logischen und ästhetischen ungesund ist, kann er nur folgern: ändern wir uns, beseitigen wir das Uebergewicht der moralischen Prinzipien und versuchen wir, eine harmonische Entwicklung aller unserer Lebenskräfte herbeizuführen .... ganze Menschen zu werden! —; Ich glaube, so nachgewiesen zu haben, dass die Frage der Existenzberechtigung der Juden von Elias Jakob falsch gestellt und von falschen Gesichtspunkten aus verneint worden ist. Unberührt von meinen Ausführungen bleibt das Problem der praktischen Lösung der Judenfrage bestehen, das den Verfasser am Schluss seines Aufsatzes beschäftigt. Wenn man Israel auch das Recht zum Fortleben nicht auf Grund theoretischer Auseinandersetzungen bestreiten kann, so ist damit noch nicht gesagt, dass das Volk willens und imstande sein wird, seine Sonderexistenz weiterhin durchzusetzen. Bis heute, könnte man anführen, leben sie wohl als Nation, denn die überwiegende Mehrzahl der in allen Ländern der Erde zerstreuten Juden fühlen sich durch gemeinsame Abstammung, körperliche und seelische Eigenart als: zusammengehörig; werden sie aber den Druck der Verfolgung und des Hasses von Seiten ihrer Wirtsvölker fernerhin tragen können, oder werden sie die Isolierung, welche ihre soziale, wirtschaftliche und kulturelle Stellung zu einer so unhaltbaren gemacht hat, aufzugeben versuchen, um spurlos von der Erde zu verschwinden?