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Der jüdische Student · 1904-09-01 · Heft 3 (September 1904) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 3 (September 1904)
Date
1904-09-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Solche Naturen werden schwer begriffen und gewürdigt. Die grosse Mehrzahl der Menschen vermag sich diese glückliche Mischling von Idealismus und Eealismus nicht vorzustellen; heide Eigenschaften erscheinen ihr als Gegensätze. Insbesondere das germanische Milieu ist nicht reich an derartigen Naturen. Der Idealist ist bei uns noch immer der unpraktische Mensch, dem das tätige Leben ein Buch mit sieben Siegeln ist, und der ihm deshalb nicht gewachsen ist. Bei den Juden ist ein Naturell wie das Herzls — wenngleich nicht den Gaben, so doch der Anlage nach — verhältnismässig häufig. Man lese z. B. einmal aufmerksam die Geschichte des Apostels: Paulus, etwa in der Zeller* sehen Darstellung. Oder die der grossen mittelalterlichen Kath binen, oder die Moses Mendelssohns. Man wird ganz Aehnliches finden, tätige Träumer. Freilich bleibt der reale Trieb Unentwickelt, wenn sich zu ihm nicht jener Aktivitätsdrang gesellt, der oft mehr noch als die Menschenliebe das Gute erzeugt. In Herzl;war der Tatendrang fieberhaft, es war manchmal, als fühle er, dasö ihm keine lange Wirkungszeit beschieden sei. Er hat es oft gesagt, „Ich werde nicht alt werden", und so schaffte er denn, solange er wirken konnte. Und noch zwei Dinge einten sich merkwürdig in ihm: Menschenliebe und Menschenverachtung. Er war viel zu klug, um nicht die Schwächen aller Staubgeborenen deutlich zu erkennen, und gerade ihm traten sie in Form von Feigheit, Unzuverlässigkeit, bitterem Undank oft entgegen. Aber der Verachtung des einzelnen stand die Liebe zur Gesamtheit gegenüber, und diese war so gross und glühend, dass auch der Aermste und Schwächste sich an dieser lodernden Flamme zu wärmen vermochte. Und diese Eigenschaft, mehr als alle seine Gaben, hat ihm das Herrlichste verschafft, was dem Volksführer gegeben werden kann: das blinde gläubige Vertrauen der Massen. Sie haben in ihm einen Abgott gesehen, das Werkzeug Gottes zu ihrer Bettung. Kein Wunder, dass sein Tod mit einer Art von wilder Verzweiflung aufge* nommen wurde. Aeusserlich war Herzl zu der imponierenden Bolle, die ihn das Schicksal spielen Hess, durch eine Erscheinung und eine natürliche, ungekünstelte Liebenswürdigkeit befähigt, wie sie wenigen Sterblichen gegeben ist. Er war ein Grandseigneur von königlichen Umgangsformen. Jede Bewegung des Kopfes, der Hand war von ästhetischer Volleudung; die feinen bleichen Züge,

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