Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 3 (September 1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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--69 eingeschlummerten Gedanken auf4*, so schrieb er damals, und der gleiche Gedanke erwachte aus der gleichen Not in Millionen von Juden. Aber bei ihnen lebte er in der Form tatenloser Schwärmerei. Herzl dagegen sah intuitiv, was hier vor allem nottat und begann sogleich nach dem ersten Kongress ihn mit praktischem Leben zu durchdringen. Er begriff ohne weiteres, dass nur eine moderne Bewegung mit modernen Mitteln zum Ziele führen könne. fühlte sich als Feldherr im Kriege und ein solcher braucht Geld* Darum wurde die Bank in London gegründet, später deren Tochterinstitut in Jaffa. Darum wurde ein „Nationalfonds** zu Landkäufen errichtet, wurden Sammlungen unter allerlei Formen veranstaltet. Ein Stab von Agitatoren durchzog die ganze Erde, um den, alten, neuen Gedanken zu predigen. Ein Dutzend Zeitungen wurden! gegründet, subventioniert, für die neue Bewegung gewonnen. Und während er alles dies anordnete, vollzog, durchreiste er Europa, ward von den einflussreichsten, mächtigsten Fürsten unserer Tage empfangen, um ihnen seine Ideen vorzutragen, und selbst der Statthalter Christi versicherte ihn seiner Unterstützung. Und wie wurde das alles unternommen! Der Idealismus lieh die Kräfte, die praktische Nüchternheit verwertete sie. „Ich liege oft schon um 5 Uhr jn der Frühe wach und zermartere mein Hirn, wie ich alles ausführen soll, denken Sie diese Verantwortung", sagte er mir einst. Der Gedanke an die Bewegung erfüllte ihn derart, dasis er in wichtigeren Momenten fast unfähig war, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen. Während des Aufenthaltes in Aegypten, als er mit dem englischen Kesidenten über die Abtretung des El Arisch-Territoriumsj verhandelte, war er ausserstande zu schlafen, zu lesen, auch nur die nächste Umgebung Kairos zu besuchen. Fortwährend beschäftigten ihn Pläne, Entwürfe. Er gab seine kostbare Zeit, sein Vermögen, seine Gesundheit hin — ohne davon auch nur je zu sprechen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. — Ein; Schwärmer, wird man sagen. Gewiss. Aber der Schwärmer studierte die Gesetzbücher aller möglichen Länder, rechnete mit Bankiers, revidierte die Abschlüsse der selbstgegründeten Bank, führte diplomatische Verhandlungen wie ein Botschafter und verstand es durch unendlich taktvolles, gütiges und doch festes Vorgehen die Kulturgegensätze von Ost und West auszugleichen.