Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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54 - der, seiner moralischen Pflichten als Ehemann sich absolut nicht bewusst, seiner ersten Gesellschafterin überdrüssig geworden ist. Auch die Bigamie kommt bei den maurischen Juden zuweilen vor. Eine andere Folge dieses frühen Heiratens ist dann aber die Kindersterblichkeit. Mehr als die Hälfte der Erstgeborenen stirbt im ersten Jahre aus Mangel an Lebensfähigkeit. Das sind die Schattenseiten des Familienlebens. Andererseits nimmt die jüdische Frau eine durchaus würdige Stellung im Hause ein und ist nicht, wie bei den Mauren, dem Manne nur Spielzeug oder Magd. Allerdings soll die Lage der Frau in Marräkesch ungleich ungünstiger und demütigender sein. Hier arbeiten sie auch, meistens als Näherinnen: der Lohn des Arbeitstages beträgt 40 Centimes, die bestbezahlten Arbeiterinnen erhalten 50 Gentimes; die zahlreichen jüdischen Dienstmädchen verdienen monatlich 2,50 Fr. bis 5 Fr., d. h. durchschnittlich täglich etwas über 10 Centimes! Andere Weiber, nackten Fusses, bewegen sich, einen schweren Krug auf der Schulter, den ganzen Tag zwischen dem öffentlichen Wasserreservoir und den Häusern, die sie mit Wasser versorgen. Alle Reisenden erzählen übereinstimmend von den reizenden und sympathischen Gesichtszügen der jungen Mädchen, wie überhaupt von deren grosser Schönheit auch im Körperbau; interessant ist dabei, welche Mittel die marokkanischen Jüdinnen anwenden, um eine nach orientalischen Anschauungen graziöse und anmutige (!) Figur zu erlangen: sie stopfen nämlich, besonders in der Zeit zwischen Verlobung und Vermählung, um recht dick auszusehen, täglich 40—60 zigarrenförmige Brotnudeln in sich, nehmen bei den drei Hauptmahlzeiten 10—20 solcher Nudeln zu sich und erreichen denn auch durch diese Mastkur mit der Zeit eine Wohlbeleibtheit — ihr Ideal weiblicher Schönheit —, die ihnen einen nach unseren Begriffen anmutigen Gang völlig unmöglich machen. Die übergrosse Korpulenz vermag aber nicht, dem Gesicht die Schönheit, dem Auge die lebendige Glut zu nehmen. Es würde zu weit führen, den Luxus, den die reiche Jüdin in der Kleidung und im Putz aufwendet, zu detaillieren; es gibt Beispiele dafür ja auch in andern Ländern. Oft genug freilich ist die seltene Schönheit ein Fallstrick für die Besitzerinnen: denn nicht nur der Sultan hat einen grossen Harem, sondern auch die Granden des Seiches, und so ein Harem soll immer wohlgefüllt sein! Die Prostitution soll zwischen Jüdinnen und Mauren nicht vorkommen, wohl aber besteht dies Gewerbe zwischen