Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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,--53 Mangel an Wahrheit und Treue, überhaupt an Zuverlässigkeit, sich bemerkbar machen. Freilich, andere bestreiten das. Schuld an Verstössen gegen Wahrheit und Treue, wie an anderen sittlichen Defekten, die man ihnen zuweilen vorwirft, wären jedenfalls weniger sie, als ihre Unterdrücker an erster Stelle, unter deren Vergewaltigungen Entartungen des Charakters der Unterdrückten nur zu gut zu verstehen und zu entschuldigen sind. Hier mag aber auch eine weitverbreitete Leidenschaft der dortigen Juden erwähnt werden, ihr Alkoholismus. Bei uns bettelt man um ein Stück Brot, in Marokko um ein Glas Branntwein. Kleine Kinder an der Brust saugen an Branntweinflaschen, die die Mutter ihnen gibt; Gassenbuben wetten, wer am schnellsten und meisten trinken kann. Alkoholniederlagen sind sehr zahlreich. Dass diese Trunksucht das allgemeine Elend nur noch vergrössert, ist klar. Die Intelligenz glauben die Juden von Casablanca besonders gepachtet zu haben; sie halten sich für geweckter und begabter als ihre marokkanischen Brüder und sind auf ihr besseres Auffassungsvermögen und ihr stärkeres Gedächtnis nicht wenig stolz. Diese — ob tatsächliche oder eingebildete, sei dahingestellt — geistige Ueberlegenheit bringt, besonders bei den Kindern, leicht Geneigtheit zu listigen Streichen und Verschlagenheit mit sich. Das Familienleben ist, was ja bei Juden bekannt und nicht anders zu erwarten ist, überaus treu und zärtlich. Jansen erzählt einzelne rührende Szenen häuslichen Zusammenlebens und — soweit dies bei den Verhältnissen möglich ist — familiärer Gemütlichkeit. Dass die Eltern auf die gute und praktische Erziehung der Kinder Wert legen, sahen wir schon oben; die Schulen der Alliance werden im allgemeinen gut und vor allem mit Eifer besucht. Aber auch auf die Unsitten in der Verheiratung, 9 die leider auch in Marokko eingerissen sind und nicht zum geringsten an dem Elend der Juden schuld haben, müssen wir in diesem Zusammenhange näher eingehen. Wie im Orient, teilweise auch bereits im östlichen Europa, heiraten in Marokko die Mädchen schon zu 10—12 Jahren, oder richtiger, sie werden verheiratet. Ihre Ehemänner sind freilich recht oft auch erst vierzehnjährige Knaben. Foncould kannte sogar Mädchen, die bereits zu 6—8 Jahren in den Stand der Ehe eintraten. Diese geschlechtliche Frühreife hat nun natürlich die furchtbarsten Folgen. Ein grosser Teil der sehr jugendlichen Frauen stirbt nach der ersten Niederkunft. Die anderen sind mit 20 Jahren verwelkt und werden dann vom Gatten Verstössen,