Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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52 - durch die Blätter ging, wo eine junge Frau öffentlich ausgepeitscht wurde, weil — sie ein Hemd nicht zur rechten Zeit fertig gestellt hatte! "Wie in der Geschichte der Juden so oft das psychologische Gesetz von Druck und Gegendruck in Kraft getreten ist, so machen wir auch in Marokko die Wahrnehmung, dass, je schlechter ihre politischen und sozialen, kurz ihre äusseren Verhältnisse sich gestalten, sie eine um so stärkere AnhängUchkeit zum Judentum zeigen. Mit zäher Kraft, so erzählen die Reisenden, hängt der marokkanische Jude an der Religion und an den von den Vätern überkommenen Lehren und Gebräuchen. Dabei legen sie denn auch viel Wert auf Aeusserlichkeiten. So liegen in Debdu zwei Parteien, die Kohanim und die Israelim, schon seit langem in fast kindischem Streit über Fragen untergeordneter Natur. Dass man aber Berichte über ihre religiösen Bräuche von seiten nichtjüdischer Erzähler nur vorsichtig aufnehmen darf, beweist Jansen, der es z. B. als einen eigentümlich marokkanischen Aberglauben bezeichnet, dass die frommen Juden dort beim Aussprechen des Gottesnamens, beim Beten und beim Essen und Trinken den Kopf bedecken! Zum Vergleiche über jüdische Gebräuche zitiert er heute noch in einer Anmerkung: Buxtorf (1729) und Eisenmenger, Entdecktes Judentum (1711)! Mehr interessiert uns zu hören, dass sämtliche Juden die Feiertage streng halten und die rituellen Vorschriften genau beachten. Die Kinder werden im Hebräischen unterrichtet; wir werden über das Unterrichtswesen im einzelnen sofort noch näheres erfahren. Günstig wird über das allgemeine Geistesleben der Juden in Marokko geurteilt. Jansen z. B. lobt den Sinn für die Aneignung von Kenntnissen, die Erlernung fremder Sprachen, im Gegensatz zu den fanatisch-dummen Mauren, wobei er freilich von den in tiefer Armut lebenden Bewohnern des Mellah absieht, die eben im harten Kampf ums tägliche Brot keine Zeit zu geistiger Beschäftigung haben. Die besser Situierten lassen ihre Söhne, oft nur privatim, doch in Sprachen und anderen Schuldisziplinen unterrichten, und auch für die geistige Ausbildung der Aermeren hat besonders die Alliance Israelite von Paris aus mit edlem Eifer gearbeitet, wie sie sich auch heute noch besonders auf diesem Gebiet Verdienste erwirbt. Ueber den Charakter der marokkanischen Juden gehen die Ansichten allerdings weit auseinander. Während man ihnen Fleiss nachrühmt, sollen doch andererseits auch hässlichere Seiten, besonders