Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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46 -•-■-———- Die Geschichte der Juden seit jener Zeit bis heute ist reich an Leiden und Verfolgungen, die zum Teil nur aus der Verfassung Marokkos und seiner Eegierung zu verstehen sind. Die Staatsverfassung ist zwar monarchisch, aber der Kaiser oder Sultan wird kaum mehr als geistliches, geschweige denn als staatliches Oberhaupt anerkannt. Eine geordnete Regierung wird auch durch die fast täglichen Empörungen der ziemlich unabhängigen kleinen' Stammesfürsten unmöglich gemacht. Unter den jeweiligen Unruhen haben die Juden mit am meisten zu leiden. Auch die raubgierigen Staatsbeamten lassen an ihnen oft genug ihre Wut gegen die Eegierung aus. So melden uns Jahr für Jahr die Blätter Gewalttätigkeiten und Morde. Diese nehmen einen besonders ernsten Charakter an, seit 1898 die antisemitische Bewegung, wohl organisiert und systematisch vorbereitet, von Algier und Tunis aus die marokkanischen Grenzen überschritt. So haben erst wieder im Dezember 1903 die wilden Räuberbanden der autochthonen Kabilen in Stat am entsetzlichsten, aber auch in Demnät, Sfrü, anlässlich politischer Unruhen die Juden überfallen und ins Elend gestürzt, sodass sich die ganze Gemeinde (ca. 1500 Seelen), soweit sie ihr Leben retten konnte, nach Casablanca flüchten musste. Es erübrigt sich, die weiteren Verfolgungen aufzuzählen. Schrecklich hatten auch die Jaden — aus Gründen, die später zu besprechen sein werden — unter Verheerungen, die das ganze Land trafen, zu leiden; so als 1850 in Marräkesch, der südlichen Hauptstadt des Landes, eine Epidemie ausbrach, als 1868 eine Hungersnot, 1878 ausserdem noch der Typhus Marokko heimsuchte, als 1897 eine andauernde Dürre eintrat und gleichzeitig Heuschrecken die ganze Ernte zerstörten, ferner als Anfang 1904, wieder infolge politischer Unruhen, die Preise der Lebensmittel ungewöhnlich stiegen. Hauptsächlich ist es aber die fanatische und leicht erregbare Bevölkerung des Landes, die den Juden so stark zusetzt; denn tatsächlich sehen wir, dass die Regierung ihnen nicht feindlich gegenübersteht. Das führt uns zu einer flüchtigen Skizzierung der politischen L«a g e der Juden. Dass es der Regierung am guten Willen, die Juden zu schützen, nicht fehlt, gibt sie oft genug zu erkennen. So versichert den Juden zu Marräkesch ein Brief des marokkanischen Ministers vom Dezember 1892 ausdrücklich, dass den Gouverneuren befohlen sei, sie ebenso zu behandeln wie die anderen Untertanen, dass den Rabbinern in religiösen Dingen unabhängige