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Der jüdische Student · 1904-06-01 · Heft 2 (Juni 1904) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 2 (Juni 1904)
Date
1904-06-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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_,__-- 41 Einzelfälle und darum um so deutlicher auffallende Erscheinungen, so stellen sie wenige Jahrzehnte später schon den allgemeinen Typiis dar. Freilich geht die Entwicklung über eine grosse Reihe interessanter Zwischenstufen, wobei die rein örtlichen, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse und die Zeitumstände bestimmende Merkmale ergeben. In den Grossstädten fallen die meisten und die ersten Opfer. Natürlich! Dann werden die Kinder der Reichen in den kleineren Gemeinden von der Strömung fortgerissen und „aufgeklärt". Immer neue Schichten werden an die Oberfläche getrieben und von dem kulturellen Oxydationsprozess angegriffen. Dieser "Wandel vollzieht sich noch bis tief in das 19. Jahrhundert hinein, und es hat sein eigenes Interesse zu verfolgen, welch sonderbare Blütenformen die späte „Aufklärung" unter der Einwirkung der so wesentlich vorwärtsgebrachten Zeit treibt; im Grunde indes doch nur Variationen des Typus der Aufgeklärten von der "Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. So erklärt es sich, dass wir durch viele Jahrzehnte das alte Klagelied über die zunehmende Entjudung hören. David Friedländer jammert:*) „Es haben sich Untugenden unter uns verbreitet, die unsere Väter nicht kannten, und die für jeden Preis zu teuer gekauft werden. Irreligion, Ueppigkeit und Weichlichkeit, dieses Unkraut, das aus dem Missbrauch der Aufklärung und Kultur hervorkeimt, hat leider auch unter uns Wurzel geschlagen, und wir sind, vorzüglich in den Hauptstädten, der grossen Gefahr ausgesetzt, dass der Strom der Kultur mit der Rohheit auch die Strenge und Einfalt der Sitten wegschwemmt." Und so dachten alle die Männer — es waren freilich nur sehr, sehr wenige! — die das Beispiel Mendelssohns als eigenes Lebensideal trugen und es zu einem Programm für die Judenheit hatten machen wollen. Sie hatten sich ihr Werk und Wort als eine Rettung des Judentums gedacht, als eine Hinüberrettung in eine neue Aera. Gewiss, weder Mendelssohn noch sie hatten auf diese Wandlung bestimmend einwirken können, die aus der ganzen Konstellation im Reformzeitalter sich ergab. Allein die Unternehmungen und konzessionsreichen Mahnrufe ihrer Ratlosigkeit verschlimmerten die Situation noch: die Auf klärungsweltanschauung war schon einer tieferen Erkenntnis der Dinge gewichen; und die kalte Gottesfurcht durch die Seele inniger und reicher befriedigende Religiosität entthront. Die Getreuen Mendelssohns *) L. Geiger, Gesch. d. Juden in Berlin, 1870, Bd. I, 116.

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