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Der jüdische Student · 1904-06-01 · Heft 2 (Juni 1904) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
1 (1904) (Fortsetzung)
Issue
Heft 2 (Juni 1904)
Date
1904-06-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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42--:-:- beteten aber immer noch die Leitsätze ihres Meisters her — und gaben den Hungernden — denen, die nach dem grossen Gott unserer dunklen Stunden hungern — nur Steine statt Brot. So ergab sich denn eine Deroute auf der ganzen Linie: Die tieferen Elemente stiess die Nüchternheit der Berliner Aufklärung ab und trieb sie in die weichlich-mystische Religion Schleiermachers. Die Alltagsjuden suchten Vergessenheit im G-enuss der neuen Freiheit und retteten ihre Eigenart durch den hämischen Spott, mit dem sie über alle Grösse hinüberkamen.-- Dieser Wandel musste naturgemäss den Zeitgenossen (den nichtjüdischen) besonders auffallen. Früher war ihnen der Jude ein Rätsel. Sein ganzes Gehaben, sein Denken und seine Lebensformen erschienen ihnen wie aus einer anderen Welt. Wenn er den Juden verhöhnte, wenn er ihn verachtete und ihm alle Laster andichtete und alles Unglück zuschrieb, so tat er es, weil der Jude ihm ein Fremder war. Das aber ist das grosse Geschichtsphänomen, dass in dem Augenblick, wo sich das Leben der Juden nicht mehr in verrammelten Häusern, sondern vor der breiten OefFentlichkeit abrollte, allen sichtbarlich, allzu sichtbarlieh abrollte, dass in dem Augenblicke die Juden der Bevölkerung — noch fremder wurden. Selbst diejenigen Christen, die unter dem Zwange von Humanitäts- und Aufklärungsidealen an einer Besserung der jüdischen Zustände ernsthaft mitarbeiten wollen, sehen entsetzt dem Treiben der neumodischen Juden zu. Der Berliner Geistliche 0. W. Spieker gibt in seinen „Briefen an den Herausgeber der Sulamith"*), den er bei seinem erziehlichen Wirken unter der jüdischen Nation mit ehrlichen Ratschlägen fördern will, eine entsetzte Schilderung der innerlichen und äusseren Verfassung der „besseren" jüdischen Kreise. Um wieviel boshafter musste erst die Kritik des Hasses sein! Als Grattenauer 1803 seinen Schriftenkampf gegen die Juden einleitete, brauchte er nach der Uebung wohl der meisten, die im 18. Jahrhundert Gifte wider Israel spieen, sich nicht darauf zu beschränken**), „Eisenmengers Buch, ohne Prüfung und Kritik" auszuschreiben. Er konnte sich ein neues, furchtbares Gewaffen schmieden, das seine Brüder in Hass annoch *) Sulamith. Zeitschr. z. Beförd. d. Kultur u. Humanität unter d. jü<L Nation. Lpz. 1806. S. 398—410. **) Wider die Juden. Ein Wort der Warnung an alle unsere christlichen Mitbürger. 6. Aufl. Berlin 1803. S. 55.

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