Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40---■- einer wohlgefügten restlos aufklärenden Weltansicht leben. Ihre Erschütterung war seine Erschütterung. Die Ahnung ihrer TJeberwindung — sein Tod. . . Er war ein geschlossener, einheitlicher Charakter. Keine grosse, aber eine ganze Persönlichkeit, wie sie die Welt nicht oft gesehen. Dar war sein Adel. Sein Wert liegt ganz in ihm selbst — nicht aber in dem, was er anderen bedeutet. Er hat keine Spuren hinterlassen: Schon zu seiner Zeit waren seine Hauptwerke vergessen. Und es ist eine Versündigung an diesem reinen, stillen Mann, wenn man ihn immer wieder als den geistigen Führer und den Erwecker der deutschen Judenheit hinstellt. Er war es nicht. Er konnte und wollte es nicht sein. Seine vernünftelnde Weise, seine zufriedene Weisheit konnten unmöglich die Riesenkräfte entbinden, die die Judenmasse aus der Verknechtung zu Bürgern emporzuheben vermochten. Die grossen Geschichtsmächte jener Uebergangszeit, die die einstmals dumpfe Volksmasse zu einem nationalen Faktor hinauftrieben, mit allen Einzelfaktoren der Bildung, des Merkantilismus, der beginnenden Industrie, haben auch die Juden aus der Enge mitbefreit, mitbefreien müssen. Dieses geschichtlichen Umwandlungsprozesses war Mendelssohn wahrlich nicht Erreger und nicht einmal ein individuelles Paradigma. Er ist auf engen, selbstgeschlagenen Pfaden, welche die Masse nicht finden konnte, gegangen, bis zu dem Ziele, in höherem Sinne ein Zeitgenosse zu sein. Ihm ist es geglückt, durch die Bildung seiner Zeit, durch eiserne Selbstzucht, die vieles ersticken und erdrücken musste, sein Wesen auszugleichen und zu glätten und Judentum und Zeitkultur zu einer Einheit höherer Ordnung zu verbinden. Die Masse der Judenheit aber — und darin liegt die geschichtliche Tragik Mendelssohns — zerschellte gerade an dem Beispiel dieses seltenen Menschen. Machtvoller umbrauste das Geschichtsleben das Ghetto, drang in .die jüdischen Häuser ein. Nur in dem Widerstreit der Zeitbildung mit der alten Judentums form wurden sie — gerade mit Mendelssohns Gedanken als Programm, mit seiner geläuterten Einheithchkeit als Vorbild und Ziel — haltlos und zerrissen. Schon zu Mendelssohns Zeiten verbanden darum die Alten mit der Bezeichnung Mendelssohnianer den Nebenbegriff der moralisch verkommenen, zerklüfteten Menschen.*) Waren aber diese, zumeist aus dem Osten zugewanderten Jünglinge nur *) Grätz, Bd. XI, 49.