Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 1 (April 1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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26--— blossen Unterstützungskasse herab, oder die Arbeitnehmer treten zu einer neuen Organisation auf dem Boden des gemeinsamen Klassenbewusstseins zusammen. In diesen „Doppel-Chewras" (dies ist der gemeinschaftliche Name für beide neu entstandenen Organisationen) sind ausser den Damenschneidern und Tischlern, deren Gesellenchewras sich in schönster Blüte befinden, noch die Färber und Ofensetzer organisiert. Der Gang des sozialen Prozesses, der schliesslich zu einem vollständigen Gegensatz von Meister und Gesellen führt, ist kurz skizziert folgender: die Gesellen fühlen sich in der Ohewra von den Meistern ausgebeutet; und mit Recht: denn die letzteren verfahren nach jenem Prinzip, das einst den Kahal zu Grabe tragen half. Es besteht darin, dass wenige Mächtige ihre Vorteile auf Kosten der übrigen Masse rücksichtslos auszunützen wissen. Die Gesellen treten aus der Chewra aus, bilden eine neue Organisation, deren Hauptzweck vorläufig ist, das Standesbewusstsein zu stärken und die Standesehre vor UebergrifFen der Meister zu schützen. Doch bald erweitert sich das Verhältnis dahin, dass die in den Chewras organisierten Gesellen Lohndifferenzen durch vorbereitete Streiks zu ihrem Vorteil zu beeinflussen suchen. Eine dritte Gruppe von Chewras bilden die „Arbeiter-Ohewras", in denen fast alle Arbeiter eines Gewerbes organisiert sind, und die es durch Streiks dahin gebracht haben, dass Unternehmer nur Arbeiter beschäftigen, die in der betreffenden Chewra organisiert sind. Hierher gehören ausser der starken und zielbewussten Tabakarbeiter-Chewra noch jene der Gerber und Buchdrucker. Wenden wir uns nun zum dritten und wichtigsten Teil: dem „Jüdischen Arbeiterbund". Aus dem Vorhergehenden ist ersichtlich, dass auch in dem, im allgemeinen staatsfreundlichen Organisationsprinzip der jüdischen Handwerker Russlands das Klassenbewusstsein zu keimen beginnt. Daneben ist in Russland ein anderes Proletariat emporgewachsen, das, durch den Kapitalismus gezeitigt, angefangen hat, stolz und frei sein Haupt zu erheben. Es ist das russisch-jüdische Fabrikproletariat, das, obzwar naturgemäss beeinflusst von der allgemeinen russischsozialistischen Arbeiterbewegung, doch immer seine eigenen Wege gegangen ist und schliesslich sein Organisationswerk mit einem stolzen Bund gekrönt hat, der ein offenes jüdisches Gepräge trägt. Bevor wir jedoch die Gründung und Tätigkeit des „russisch-jüdischen Arbeiterbundes" betrachten, seien über den russischen Sozialismus und über seine Theoretiker einige Worte