Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 1 (April 1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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22--■-•-— bringt die Juden wieder enger aneinander und lässt jede Differenzierung verschwinden. "Wird acht Jahre später das Verbannungsedikt aus egoistischen Motiven wieder aufgehoben, so hat es doch eines vollständig erreicht: Die Zertrümmerung der jungen Assimilation. Nach Litauen zurückgekehrt, schliessen sich die Juden zu jener eigentümlichen Organisation, dem „Kanal" zusammen, der bis vor kurzer Zeit das soziale und wirtschaftliche Leben der Juden Polens und Russlands vollständig regelte. Es sind drei Momente, die für die Entstehung des Kanals von Bedeutung sind: 1. ein soziologisches, 2. ein religiöses und 3. ein fiskalisches. — Was das soziologische betrifft, hat Brentano nachgewiesen, dass dort, wo eine Gruppe von Menschen schwer um ihre Rechte kämpft, immer ein engeres Aneinanderschliessen der Unterdrückten stattfindet, dass aber auch dann, einmal im Besitz der erkämpften Rechte, diese eifersüchtig über das Erreichte wachen. Den eklatantesten Beweis dafür bilden die westeuropäischen Zünfte. So entstanden aber auch jene „Staaten im Staate" nach dem treffenden Ausspruch Fichtes. — Der Einfluss der Religion, und besonders des Kultus auf die Einigung hegt auf der Hand. Dazu kam für Litauen und Polen noch folgendes: Im Interesse der Finanzverwaltung lag es, nicht das jüdische Individuum, sondern die ganze Gemeinde zu besteuern. Es bedurfte daher einer Behörde, welche den vorgeschriebenen Steuerbetrag auf die einzelnen Mitglieder der Gemeinde verteilte. Was nun die Tätigkeit des Kahals anbetrifft, so war diese letztgenannte Funktion, die Vertretung der Gemeinde der Steuerbehörde gegenüber, wohl die wichtigste. Insofern als er das Recht hatte, die Gewerbetreibenden zum Beitrag zur Handwerkersteuer zu zwingen und ihre Zahl nach Beheben zu verändern, monopolisierte der Kahal das Recht, Handwerk zu treiben, und schuf dadurch eine starke Organisation, die im Namen der jüdischen Gewerbetreibenden sogar diplomatische Verhandlungen anknüpfen durfte. Er hatte mehr als einmal schwierige Kämpfe mit den christlichen Zünften Polens und Litauens zu bestehen, deren Hass den jüdischen Konkurrenten gegenüber sich oft in blutigen Aufständen Luft machte. Doch die Wirkungssphäre des Kahals ging noch weiter. Er hatte die Befugnisse der Gewerbepolizei, der Inspektion von Mass und Gewicht, und stellte Marktrichter an, deren Amt es war, Streitige keiten während der Masszeit zu schlichten. Der Kahal bildete ferner eine Art von Kreditinstitut, indem er Bürgschaft für Waren über-