Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 1 (April 1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jahrhunderten identifizieren, man kann sagen: Dieses Stammes, dieses Volkes Leben ist mein Leben, seine Geschichte mit all ihrem Handeln und Leiden ist meine Geschichte, seine Vergangenheit mit all ihren Schöpfungen des Geistes und Gemütes, mit ihrer Wissenschaft und ihrer Kunst, kurz, mit ihrer ganzen Kultur — ist meine Vergangenheit. Man kann es vor allem sagen, wenn man das Bewusstsein haben kann, dass die eigenen Blutstraditionen in die Vergangenheit dieses Volkes zurückführen, wie das ja wohl bei den meisten Menschen der Fall ist. Was ist das aber für eine merkwürdige Seelenkrafb des Menschen, die ihn zu einer solchen Identifizierung seines Lebens mit der Geschichte seines ganzfen Volkes fähig macht? — Nun, es ist wieder jener allgewaltige Einheitstrieb, von dem wir ausgingen, der nicht nur die Grenzen unserer räumlichen Kraft ins Ungemessene zu dehnen weiss, sondern auf den Fittichen des Geistes uns auch überfliegen lässt die uns gesetzten Schranken der Zeit. Des Menschen Leben währet sechzig Jahre: — Wie furchtbar für ein Wesen, das nach Unbeschränktheit dürstet! Wie wunderbar der Geist, der es vermag, für diese Disharmonie die lösenden Akkorde zu finden! Ja, die Worte der Haggadah leben einen gewaltigen Geist: „In allen Zeiten ist es Pflicht jedes Juden, sich vorzustellen, als sei er selbst aus Mizraim gezogen. Denn es heisst Du sollst deinem Sohne an diesem Tage so erzählen: Deshalb ist dieses, weil mir Gott Gutes getan hat bei meinem Auszuge aus Mizraim. Nicht unsere Vorfahren allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, sondern er hat auch uns mit ihnen erlöst, wie es heisst: Auch uns hat er von dort herausgeführt, damit er uns bringe in das Land, das er unseren Vätern zugeschworen, und es uns gebe". Das ist die psychologische Erklärung des nationalen Bewusstseins. Dass dies alles mit dem Begriff „Nation" nichts zu tun hat und sich einbildet, auf jegliche seiner Definitionen zu passen, ist wohl klar. Ebenso klar aber auch, dass diese ganze Entwickelung des nationalen Bewusstseins letzterhand mündet und münden muss: — im Kosmopolitismus. Davon ein anderes Mal.