Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 1 (April 1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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schaft wächst empor. Und so geht es weiter. Der soziale Kreis vergrössert sich. Und nun kommt ein entscheidendes Moment hinzu: Die sich immer weiter ausdehnende Interessensphäre stösst auf andere Interessensphären gleicher Art, die ihrer sich ausbreitenden Entwickelung an den eigenen Grenzen Halt gebieten, oder gar, wenn sie mächtiger sind, sie mit Verkleinerung oder vollständiger Verschlingung bedrohen. Jetzt gilt es, das Erworbene zu halten, das Gefährdete zu verteidigen, es kommt zum Kampf zwischen den Interessensphären, es beginnt: — die Geschichte. Es ist klar, dass nun, da sich zwei Kreise kämpfend und wetteifernd gegenüberstehen, die Supplementalidee bedeutend verstärkt wird. Jetzt geht es um die Erhaltung des eigenen, in der Macht der Gesamtheit sich spiegelnden Kraftbewusstseins, welches diesmal bedroht ist nicht durch im Wege liegende Baumstämme, sondern durch Menschen, die genau das nämliche Interesse haben. Verliert man in diesem Kampfe, so ist nicht bloss die konkrete Macht der besiegten Gemeinschaft gebrochen, sondern auch jenes Kraftbewusstsein des einzelnen ist geknickt, mag der einzelne durch diese Niederlage materiell auch nichts verloren haben. Gewinnt man, so erfährt das Kraftbewusstsein einen mächtigen Aufschwung, und hat die siegende Gemeinschaft zur Unterscheidung von den anderen noch einen Namen — sagen wir „Sioux" —, so werden, wenn die Siegesnachricht in das Lager dringt, die Siouxweiber sicherlich durch die Zelte schreien: „Wir haben gesiegt!" obgleich sie doch gar nicht mitgefochten haben, und nicht lange wird es dauern, so werden die Siouxkinder im Lande ein Lied singen mit dem Refrain*. „Der Sioux ist tapfer!" Man merkt wohl, was ich damit sagen will. Wir bücken zurück. Wir hatten gesehen, wie der menschliche Einheitstrieb im Schaffen jener Supplementalidee, für die wir den Ausdruck „Identifizierung mit der Gesamtheit4' prägten, die Schranken der räumlichen Kraft zu überspringen wusste, und wie dieses Identitätskraftgefühl unter den Wechselfällen der Geschichte den verschiedensten Schwankungen ausgesetzt ist. Die Identifizierung kann aber noch weiter gehen. Sich mit seinem Volke identifizieren, braucht nicht nur zu bedeuten, dass man sich mit der umgebenden Gemeinschaft, in die man hineingeboren und hineinerzogen wurde, wie sie nun einmal da ist, in Leben und Interessen eins fühlt, sondern man kann sich auch mit ihr als mit einem historisch Gewordenen, als mit einem Produkt von