Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 1 (April 1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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'-,- 7 heit überhaupt. — Es ergibt sieb, was folgt: Dieser Wilde kann diesen Baumstamm nicht heben* Die Kraft seiner Muskeln reicht nicht aus, die organische Begrenzung tritt hervor. Sind aber noch neun andere Wilde dabei, so vermögen die zehn vielleicht, was der eine nicht fertig gebracht, und was den zehn nicht gelang, gelingt den hundert. Das ist sehr einfach, nicht wahr? — Nun aber kommt der springende Punkt: Obgleich die zehn den Baumstamm gehoben haben, bleibt doch die Kraft des einen genau so, wie sie vorher war. Der Zweck ist erreicht, aber das Bewusstsein des eigenen Unvermögens, das durch die vergeblichen Bemühungen und Kraftaufwände in dem einen drückend geworden war, ist nicht aufgehoben. Da schafft sich der eine und jeder einzelne von den zehn, sobald in ihm das Bewusstsein der eigenen vereinzelten Ohnmacht, zugleich aber auch das Bewusstsein ihrer Ueberwindungsmöglichkeit durch das Zusammenwirken mit den neun anderen auftaucht, die Supplementalidee, und zwar in folgender Weise: Er sieht in den zehnen die Einheit und in sich selbst ein notwendiges Glied dieser Einheit. Er identifiziert sich geradezu mit der Zehnerschaft, und das in solchem Masse, dass er sich nicht mehr als „der Eine" vorkommt, sondern nur noch als „der Zehnerschafter". Der Zehnerschafter ein Individuum, ausgestattet mit der Körper- und Geisteskraft von zehnen, da die anderen neun ihm stets zur Seite stehen, wenn er ihrer bedarf.*) Dies sind die Anfänge des nationalen Bewusstseins. Wohlgemerkt: die Anfänge! Nationales Bewusstsein ist dies noch nicht. Ich möchte es soziales Bewusstsein nennen und damit ausgesprochen haben, dass das nationale Bewusstsein im sozialen seine Quellen hat. Doch die Entwickelung geht weiter. Liegt für den Menschen nichts Ausserordentliches mehr darin, die Riesenstämme des Urwaldes zu transportieren, und schwindet oder sinkt infolgedessen sein Stolz- und Kraftbewusstsein über das Vollbringen solcher Arbeit, so nimmt sein Einheitstrieb naturgemäss andere Formen an. Die Grenzen seiner Macht sind jetzt erweitert, und neue Strebeziele treten auf. Jetzt sollen nicht mehr bloss Baumstämme aufgehoben, sondern schon grössere Bauten ausgeführt werden. Dazu genügt nicht die Zehnerschaft, und die Hundert- *) Dass die Zehnerschaft wohl ursprünglich identisch mit der Familie ist und die Hundertschaft mit dem aus der Familie entstehenden Stamme, beeinträchtigt den obigen Gedankengang nicht im mindesten.