Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 1 (April 1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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6 -.-•— wird das führen? Eines ist sicher: nicht zur Harmonie und nicht zur Einheit. Aber der Drang nach Harmonie und Einheit ist gewaltig. Nicht bloss das Unerreichte sucht er in das Gebiet des Erreichten zu bringen, und ist so der Hebel für alle menschlichen Willensäusserungen, alle bewussten oder unbewussten Verrichtungen unseres Organismus, sondern auch das Unerreichbare soll in die Kreise unseres Willens gezogen werden. Ich meine das* was dem Menschen unerreichbar erscheint. Also ebensosehr das zeitlich Unerreichbare, welches auf einer momentanen, noch nicht überwundenen, vielleicht aber noch überwindungsmöglichen Unfähigkeit des Menschen beruht, wie das ewig und absolut Unerreichbare, das infolge der natürlichen Grenzen unseres Organismus nie überwunden werden kann. Gleichviel, für den Einheitstrieb gibt es keine Grenzen: Es soll und muss überwunden werden. Aber wie das? Wie das Unmögliche möglich, das Unfassbare fassbar machen? Lässt die Natur sich zwingen, lassen sich die Grenzen des Organismus überspringen? Da nun verrichtet der Einheitstrieb ein Werk von grossartigster Bedeutung für die Entwickelung des menschlichen Geistes, er schafft: — die Hypothese, das ist die aushelfende, oder um im Bilde der Einheit zu bleiben, die zur Einheit ergänzende supplementale Idee. Er schafft die supplementale Idee nicht als eine Hypothese im gewöhnlichen Sinne des Wortes, nicht als eine unter Vorbehalt und bis auf weiteres von den Porschern angenommene Antwort auf ein vorangegangenes non liquet, sondern im Gegenteil: Die Supplementalidee ist die universale Negierung des non liquet, sie ist ohne allen Vorbehalt dem allezeit unter dem Hochdruck des Einheitstriebes stehenden Menschen die Wahrheit schlechthin. Die Geschichte der Supplementalidee ist die Geschichte des menschlichen Geistes, sie ist die Geschichte der Sprache, der Religion, der Philosophie, der Ethik, der Kunst usw. Sie ist auch die Geschichte des nationalen Bewusstseins, und als diese soll sie uns hier beschäftigen. Ich sprach von der Beschränktheit des menschlichen Organismus in Raum und Zeit. So ist es klar, dass der Einheitstrieb sich äussert zunächst als der Trieb über die organischen Grenzen hinaus und schliesslich als der Trieb nach Unbeschränkt-