Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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An Stelle eines Rundschreibens wann die Erkenntnis errungen haben, daß das menschliche Leben mehr ist als eine funktionelle und mechanische Angelegenheit, die man einfach herunterlebt. Hier müßte der Hebel eingesetzt werden. Aeltere und selbstverantwortliche Menschen müssen es von Natur aus ablehnen, in Reih und Qlied gestellt zu werden, um nach organisatorischen Prinzipien einem hohen Ziele zugeführt zu werden. Ich gebe der ketzerischen Idee Ausdruck, daß nicht ein noch so absolutes und klar umrissenes Ziel eine Gemeinschaft formen darf (vaterländischer Unterricht), sondern daß eine Vereinigung von hochrangigen Menschen nach eigenen, in ihrer Struktur begründeten Gesetzen leben muß, zwar mit dem Hauptrichtungspunkt der unverrückbaren Idee, die ja einmal aus ihr heraus entstanden ist, aber in Methoden und Einzelheiten, die ihre eigene Entwicklung ihr vorschreibt,, nicht unter dem Zwange sittlicher Forderungen, nicht unter dem ständigen Druck irgend welcher unerfüllten Pflichten. Das sind auch schon etwas veraltete Erziehungsmethoden für Knaben, aber nicht für Männer, deren sittlicher Schwerpunkt, deren Ueberschuß an seelischen Kräften nach Gesetzen sich reguliert, die Anlage und äußere Belastung ziemlich unverrückbar bestimmen. — Das hat damals den B.Z.K, aus unseren Reihen geführt, daß Leute wie Zwirn und Wagner, wie Wermuth, Juda und Moses es ablehnten, jeden einzelnen nach den Methoden des seligen Prokrustes behandeln zu lassen, wobei sie für ihre Person das Maßnehmen ganz gewiß nicht zu fürchten hatten. So bitte ich auch Euch, mein Schreiben aufzufassen, nicht als den Schrei eines, der sich vergewaltigt glaubt oder irgend welche zionistischen Pflichten leicht nimmt. Das derzeitige Präsidium des K.J.V. hat sich zu der Neugründung entschlossen, weil es gleich uns Maßnahmen für erforderlich hielt, die auseinander gelaufenen Scharen der Alten Herren wieder zusammenzuführen. Ich persönlich bin der Ansicht, daß eine umfassende Organisation der Alten Herren geschaffen werden muß, die unabhängig von den wechselnden Lehr-Meinungen des Jugendkartells ihr autonomes Leben führt. Eine Gemeinschaft, die in logen - artiger Geschlossenheit den langersehnten Kern der neuen jüdischen Gesellschaft in Deutschland bildet. Ich bin überzeugt davon, daß ein solches Gebilde schon infolge seiner Schwerkraft eine wertvolle Bereicherung der zionistischen Aktiven darstellen wird. Ich, und wieder für meine Person, glaube, daß es eine Stelle in Deutschland geben muß, die sich liebevoll und ohne Vorwurf aller derer annehmen wird, deren unentrinnbares Schicksal sie auf deutschem Boden festhält, deren innere Lebendigkeit sie mehr sein läßt, als steuerzahlende Bürger einer gleichgültigen staatlichen Gemeinschaft, eine Stelle, die sogar diejenigen nicht beiseite wirft, deren zionistische Aktivität erlahmt ist. Mit einigen Bedenken, aber doch ohne große Schüchternheit, muß einmal der Gedanke ausgesprochen werden, daß neben der Organisation des Aufbruchs auch eine Or-