Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Die Kehrseite nur ihre eigene Gerichtsbarkeit anerkennen würde. Wir mußten aber nach einiger Zeit erkennen, daß wir selbst aus eigenen Kräften noch zu schwach zu einem Erfolg versprechenden Widerstand waren, und daß uns eine genügende Hilfe von keiner Seite aus gegeben wurde. Wir waren der Ansicht, daß angedrohte Gewalt maßregeln, im Falle der Arbeitsaufnahme, die von allen unseren Leuten aufs stärkste gewünscht wurde, unbedingt vermieden werden müßte, und wir haben demzufolge aus der Ueberlegung desjenigen heraus, der plötzlich überfallen wurde und infolge seiner Machtlosigkeit jede Bedingung des Gegners annehmen mußte, es vorgezogen, zunächst einmal auf jeden Fall wieder Aktionsfähigkeit zu bekommen. Es war die Kapitulation einer kleinen Minderheit im Kampfe gegen einen zahlenmäßig bei weitem überlegenen Gegner. Wir mußten uns also verpflichten, uns dem Urteil eines Kollegiums zu unterwerfen, das sich selbst im Laufe der Verhandlungen als die Vertreter der von uns entlassenen Arbeiter bezeichnet hat. Nur der Information halber sei noch hinzugefügt, daß auch in dem Urteil der kleinliche Triumph und ach so klägliche Sieg in unerhörten Bedingungen seinen Ausdruck fand.------ Dies ist der Tatbestand und nun noch einige Schlußbemerkungen. Niemand von uns, die hier sind und die einmal hier waren, wird das große Verdienst, das sich die Arbeiterschaft um den Aufbau Palästinas erworben hat, leugnen können, und trotzdem man die stärksten Sympathien für die Leistungen der Arbeiterschaft und vielleicht sogar noch für ihre Ideologien haben kann, muß man erkennen, in welche gefährliche Bahnen sich ein Zustand entwickeln kann, wenn er sich in derjenigen Richtung fortbewegt, in der er jetzt läuft. Rein tatsächlich: Die letzten Zahlen der Einwanderung beweisen ein starkes Anschwellen des mittleren Bürgerstandes, ein Nachlassen der Alijah des ehemaligen Chaluztypes und ein recht bedeutendes Steigen des Unternehmertypes. Wer besonders die Industrieverhältnisse Palästinas übersieht, dem wird kein Zweifel sein, daß der Erfolg einer Industrie, so lange der zionistische Staat materiell noch ohnmächtig ist und keine genügenden Subventionen geben kann, davon abhängen wird, ob es gelingt, die Privat- Initiative zur Tätigkeit aufzureizen. Wir kennen die Privatunternehmungen Europas und wir wissen, daß vieles daran auszusetzen ist; ein Grundsatz aber muß unter allen Umständen für Palästina sogar besondere Bedeutung erhalten, das ist der Grundsatz: „Herr im eigenen Hause sein". Wer heute ein industrielies Unternehmen eröffnet, hat für seinen Erfolg oder seinen Mißerfolg auf jeden Fall allein die Verantwortung zu tragen. Für ihn liegen sogar die Verhältnisse noch viel schwerwiegender, denn er gilt als Vorkämpfer, und wenn sein Unternehmen mißlingt, so ist damit nicht nur seine eigene Arbeit abgetan, sondern gilt auch der Gegenstand selbst, dem er seine Arbeit gewidmet hatr als für Palästina untragbar. Ist jemand aber bereit, sich diesen Be-