Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Bemerkung zu der Weinbei gschen Kritik Ueberlegung abhängig macht. Daraut aber kommt es in dem gegenwärtigen Zeitpunkt an. Man sage nicht, ich verabsolutiere eine Situation, die lediglich in „kultureller" Hinsicht bestehe: Man braucht nur den Namen „Misrachi" auszusprechen, um auch dem Unwissendsten deutlich zu machen, welche höchst praktischen, finanzpolitischen Dinge von der „kulturellen" Entscheidung unmittelbar abhängen. Diese Auffassung ist, wie ich zu meiner Freude feststellen darf, keineswegs meine private Meschuggaath. Ich weiß, daß sie von politischen Führern, z. B. Blumenfeld und Landsberg, geteilt wird. Vor allem aber hat mir meine Keilerfahrung, zuletzt wieder in Köln, gezeigt, daß es nicht schwer ist, den Kontakt selbst mit extrem liberalen Juden herzustellen, sofern wir nur ehrlich von der wirklichen Lage des deutschen Judentums ausgehen und nicht von irgendwelchen „abstrakten", unwahren Nationalismen aus. Ich bin im Kamp ausgegangen von der durch die Neu-Orthodoxie Ernst Simons vorgezeichneten Fragestellung. Es handelt sich hierbei gar nicht darum, ob man die einzelnen Vertreter dieser Neu- Orthodoxie sonderlich ernst nimmt. Ich verstehe die Skepsis der meisten Bundesbrüder durchaus und bin heute geneigt, sie zu teilen. Es kommt auf die Forderung der Rezeption der Tradition an, welche Forderung man mit der bekannten „Rückkehr"-Ideologie begründet. Dabei wird der Ausdruck: „Jüdische Legitimität" verwandt. Ich nehme ihn auf, weil er dazu zwingt, die Auseinandersetzung mit der Tradition ernst zu nehmen, und weil er das bequeme Weitertrotten unmöglich macht. Nun wendet sich in allen KlVern ein „Ich weiß nicht was" gegen diese Forderung. Und dieses „Ich weiß nicht was" ist je nach Sein und Wesen der einzelnen verschieden, es ist, vom Kartellstandpunkt aus gesehen, „Privatsache!" Ich habe nun versucht, festzustellen, ob dieser in uns allen lebenden bejahten Distanz zur Tradition nicht eine gewisse Kartell-Objektivität zukomme. Ich fragte mich daher danach, was denn eigentlich das Minimum sei, das wir bei jedem Bundesbruder voraussetzen. Ich sagte — und dies wird von keinem bestritten — Politischer Zionismus. Ich legte mir Jetzt die Frage vor, ob nicht bereits dieses „unverzichtbare" Minimum die Distanz zur Tradition begründe. Die Frage mußte bejaht werden, da die Tradition ihrem Sinne nach Politik ausschließt — „Politik" verstanden als ein Wollen, das getragen ist von dem Bewußtsein der Verantwortung für die Existenz und die Würde des Volkes, wobei man die Existenz als von rein „natürlichen", menschlichen oder außer-menschlichen Voraussetzungen abhängig sieht. Auf die Belege, die ich zum Beweise aus dem Schrifttum der Tradition, sowie aus der zeitgenössischen orthodoxen Literatur anführte, gehe ich der Kürze wegen nicht näher ein. Politik also im Gegensatz zur Tradition. Nun fragt es sich, ob dieser Gegensatz nicht eine innerliche Ueberwindung zuläßt. Ich