Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Zionismus und Religion Ich behaupte dabei keineswegs, daß es sich bei den Misrachistenführern um zionistisch weniger verantwortliche oder auch nur irgendwie besonders unsympathische Menschen handele, aber die ganze falsche und zwiespältige Situation, in der sie sich befinden, dieses bloß äußerliche Eintreten für ein Ziel, was letzten Endes gar nicht das ihre ist, was sie überhaupt nicht verstehen können, dessen ganze Bedingungen sie ganz falsch eintaxieren müssen, die tatsächliche, von ihnen selbst aber ganz natürlich verkannte Unwesentlichkeit ihrer Funktion innerhalb des Ganzen, all das läßt de facto den Misrachi anmaßend, kleinlich, wichtigtuerisch, egoistisch und verständnislos erscheinen. Und sogar da gibt es noch Ausnahmen. Auch bei den widersprechendsten Tendenzen gibt es immer Geister, die sie vermöge ihrer besonderen Veranlagung zu einer gewissen Harmonie zu vereinigen vermögen. Ein Hermann Struck z. B. erfaßt mit Künstleraugen diesen Widerstreit zwischen uralter Tradition und lebendigem, drängendem Neuen; als Künstler, als schauender Mensch steht er frei über den entgegengesetzten Bestrebungen, für ihn besteht dieser Konflikt, der jeden anderen ergreift und verwirrt, nicht; so vermag er für seine Person eine zulängliche Lösung zu finden und bis zu einem bestimmten Grade —nicht darüber — beiden Richtungen gerecht zu werden. Ja, noch weiter, in einer ganzen Gruppe im Zionismus, dem Brith-Haolim, ist der Zwiespalt überbrückt, was ermöglicht wurde durch die dort vorhandene, ganz besondere dreifache Konstellation von Religion, Sozialismus und Ordenstum. Der sozialistische Orden nimmt dem einzelnen die freie Verantwortung und gibt sie der Gemeinschaft als solcher. So kann dann die Religion sich des einzelnen bemächtigen, ohne dem durch die Gesamtheit vertretenen Nationalismus Abbruch zu tun. Diese Gebietsteilung von Religion und Nationalismus führt bei beiden zu charakteristischen Veränderungen. Man denke sich nur: eine jüdische Religion, die nicht auf die Gesamtheit der Gemeinde, sondern ^nur, wie das Luthertum, auf den einzelnen bestimmend wirken will und eine nationale Idee, die darauf verzichtet, sich an das einzelne Individuum zu wenden! Näher will ich jedoch darauf nicht eingehen. Aber die komplizierte und ungewöhnliche Natur dieser Ausnahmen kann nur die Regel bestätigen, welche bleibt: das Misrachiidyll, als der lebendige und überdeutliche Beweis der Unvereinbarkeit des Zionismus mit der orthodoxen Tendenz zur Tradition. Wohlverstanden: der orthodoxen Tendenz! Man kann der U eberlief er ung nämlich nicht nur wie der Orthodoxe gegenüberstehen, der in ihr das Bindeglied zum Absoluten, den letzten Zweck des Daseins, den Ankerplatz seiner Individualität finden will, oder wie der Freigeist, dem sie gar nichts bedeutet, sondern man kann auch ein Verhältnis der Pietät zu ihr haben, d. h. man sieht in ihr nicht etwas Absolutes, sondern etwas Relatives, Bedingtes, man gibt sich nicht an sie hin, sondern steht ihr selbständig, reflektierend, mit mittelbarer Empfindung gegenüber; man unterwirft sich ihr