Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionismus und Religion dieses Wort ohne seinen üblen Nebensinn —, knüpften sie an dieses abendländische Kulturgut an und hatten Wirkung wohl auf das abendländische, nicht aber im großen und ganzen auf das jüdische Geistesleben, was eben seinen Mittelpunkt durchaus in der Religion besaß. So muß jede Debatte über national-jüdische Weltanschauungsfragen notwendigerweise von der Religion ausgehen. In betreff des Verhältnisses von Zionismus und Religion war es bisher eine auch im Kartell und nicht nur im Kartell vertretene Meinung, daß es sich da um zwei getrennte Kreise handle, Lebensgebiete* die miteinander prinzipiell gar nichts zu tun hätten; wie man eben deutschnational und gleichzeitig kirchlich oder auch Atheist sein könne, könne man Zionist und orthodox oder auch Freidenker sein; wie es ein jeder damit halten wolle, stehe völlig in seinem Belieben. Dieser Auffassung gegenüber stellen die Untersuchungen von Strauß einen entschiedenen Fortschritt dar. Strauß erkennt, daß Nationalismus und jüdische Religion entgegengesetzten Wesens sind, daß die Forderung des Gesetzes sich mit politischer Einstellung nicht verträgt. Seine Formulierung ist dabei sehr mangelhaft; wenn ich mich recht erinnere,-gibt Strauß an der Stelle, wo er sich noch am deutlichsten äußert, an, der Dualismus liege darin, daß Nationalismus politisch ist, Religion aber unpolitisch. Wie unzulänglich diese Bestimmung ist, liegt auf der Hand. Handwerk, Oelmalerei und Bienenzucht sind auch unpolitisch, trotzdem wird niemand behaupten, daß die Bienenzucht in prinzipiellem Gegensatz zum Zionismus stehe. Weiter ist auch jede Religion unpolitisch; wir sehen aber, daß z. B. der Protestantismus sich ausgezeichnet mit politischem Nationalismus vereinigen läßt. Was den Inhalt des Referats anlangt, so ist Strauß auf halbem Wege stehen geblieben. Er erklärt, den Dualismus nur aufzeigen zu wollen, zu seiner Lösung aber noch außerstande zu sein; dennoch entscheidet er sich schon, und zwar gefühlsmäßig, für die Orthodoxie. Hier verstehe ich Strauß nicht. Entweder man sieht, wie bisher gewöhnlich geschehen, Nationalismus und Religion in schönster Eintracht beieinander, dann kann man sich gefühlsmäßig entscheiden, oder man erkennt den Dualismus, dann ist es zum mindesten voreilig und zeugt vielleicht von ehrlicher Begeisterung, aber gewiß nicht von denkerischer Energie, wenn man sich mit kühnem Sprunge über diese Bedenken hinwegsetzt und so in aller Behaglichkeit bei dem durchaus gewünschten Ergebnis landet. In Wirklichkeit ist es, behaupte ich, so, daß die jüdische Religionsidee, wie sie heute besteht, vermöge ihrer besonderen Eigenart, die nationale Idee ausschließt. Ich werde das näher begründen. Das jüdische Gesetz regelt in Geboten und Verboten das ganze menschliche Dasein, es erhebt den Anspruch, die höchste, ja, in einem tieferen Sinne die alleinige Wirklichkeit des Menschen zu sein, in der Gott die allein bewegende Kraft ist. Das Gesetz ist nicht, wie in anderen Religionen die ethischen und rituellen Vor-