Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 1-2 (Februar 1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Zur innerpolitischen Situation abgesehen davon, daß es sich hier um einen Teil handelt, bei den großen, letzten Endes entscheidenden Tagungen hat bisher immer der Analogieschluß, daß Arbeiterparteien im Stile der Opposition agieren müßten, die Möglichkeit für positive, für die Entwicklung der Organisation wichtige Entscheidungen verdorben. Es wird eine sehr erhebliche Umstellung nötig sein, wenn diese Uebung in der Negation durch den Willen zu verantwortlicher, tragender Mitarbeit in der Organisation überwunden werden soll. Die Führer der Arbeiterschaft werden zu dieser Umstellung bereit sein, wenn es ihnen klar ist, daß die von ihnen gewollte Stellung der Arbeiterschaft im jüdischen Gemeinwesen Palästinas nicht zu halten oder zu erreichen ist, wenn ihr bestimmender Einfluß im Kolonisationswerk nicht ergänzt wird durch eine entsprechende Stellung in der zionistischen Organisation. Aber die entgegengesetzten Tendenzen sind stark: es handelt sich nicht nur um den Kampf gegen eine liebgewordene Tradition, der den Mut zur Unpopularität verlangt. Es sind auch die Tendenzen zu überwinden, die bei der Entwicklung der Arbeiterschaft mehr den Gesichtspunkt der sozialen Klasse als den der nationalen Position betont wissen wollen (vgl. das Verlangen der Eisenbahner-Gewerkschaft, die allgemeine Arbeiterorganisation im Sinne einer rein wirtschaftlichen, Juden und Arabern gleichmäßig zur Verfügung stehenden Klassenorganisation auszubauen). Vielleicht kann man trotz dieser Bedenken hoffen, daß der nationale Wille und die nationale Einsicht wichtiger Arbeiterkreise das richtige Verhältnis zur Organisation durchsetzen werden. Die Parole einer Eroberung der zionistischen Organisation (oder der Uebernahme ihrer Aufgaben?) könnte geeignet sein, allmählich ebenso anziehend wie die negative Haltung zu wirken, die im allgemeinen nur den Geschmack an Versammlungserfolgen befriedigen kann. Aber es gibt ein anderes Bedenken: es kann bei all£r Anerkennung des Wertes der Arbeiterschaft für die nationale Bewegung nicht verkannt werden, daß die Kreise der Arbeiterschaft und der nationalen Bewegung sich nicht decken, daß die zionistische Organisation zu einem ganz großen Teil aus Schichten besteht -r- und bestehen muß —, die in der Arbeiterschaft nicht die ihnen angemessene Organisationsform des zionistischen Gedankens sehen können. Heute besteht ein krasses Mißverhältnis zwischen der Bedeutung der Arbeiterschaft in Palästina und im Kongreß. Dieses Mißverhältnis beruht zu einem Teil auf Mängeln unserer Verfassung und muß — im Sinne eines größeren Einflusses der Arbeiterschaft im Kongreß und in den leitenden Organen der Organisation — korrigiert werden. Aber es kann nicht übersehen werden, daß die Korrektur zu einem Teil auch in anderer Richtung gehen muß: zu einer verstärkten Geltung der Kreise im Aufbauwerk, die eine handlungsfähige zionistische Organisation außer der Arbeiterschaft umfassen und mit dieser zusammenfassen muß. Diese Kreise müssen sich von der Arbeiterschaft abgrenzen, weil sie ihr nicht