Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 52 (24.12.1925)
- Date
- 1925-12-24
- Page
- Seite 810 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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810 nidjt nwhr ergehen ümnc. Tie bestehenden Emigrationsburcaus warnen vor Auswanderung nach einigen Ländern. Tie Unglücklichen hören die Ratschläge wohl an, l>esolgcn sie aber nicht, sondern wariDern trotzdarn aus, da ihnen kein anderer Ausweg bleibt. Charakteristisch ist auch, das; die jüdische Gemeinde, welche schon einige hundert Jahre existiert und das Recht der Zwangseinziehung der Steuern besitzt, nicht einmal d i e Kosten der Steuereinziehung decken konnte; selbst die strengsten Mittel versagen, die Steuern einzukassieren, da das Volk zu verarmt ist. Roch ein Beispiel, welches ebenso charakteristisch wie erschütternd ist, ist die Epidemie von Selbstmorden, die nicht aujhör-on will. Welches sind die weiteren Perspektiven? Kein einziger von den Beobachtern des jüdischen Wirtschaftslebens zweifelt mehr daran, das; viele von den ruinierten jüdischen Geschäften und Handelsfirmen für immer erledigt sind. Wie ^und wann auch die heutige Krise enden sollte, ihre bisherige Stellung im Handel des polnischen Reiches werden die Juden nie wieder behaupten können. — Polen hat bis zum Krieg kann; eine eigene Bourgeoisie gehabt. Diese Gesellschastsschicht wlirde zum größten Teil durch die Juden und die Deutschen gebildet. Seit aber Polen selbständig geworden ist, wird — wie'bereits oben erwähnt — eine ausgesprochene Politik geführt, welche^ den Zweck hat, die Juden nach mrd nach von; Handel und den freien Berufen auszuschließen und ihren Platz anderweitig zu besetzen. Ter Prozeß der Verdrängung der Juden aus Handel und Industrie wurde besonders durch die Monopolisierungspolitik der polnischen Regierung verstärkt. Nur ein Beispiel: mehr als 30 000 Juden sind infolge der Einführung des Monopols auf Spirituosen, Tabak und Streichhölzer jetzt brotlos geworden. Für die große Masse, die nicht auswandcrn kam; und im Lande verbleiben muß. besteht im gegenwärtigen Moment nur ein einziger Ausweg: d-er lieber gang zu Produktiven Beschäftigungen imb vor ollen Tiilgen zum Handwerk und zur Kleinindustrie. Und gerade Polen ist der Platzt wo die Entwickümgsmöglichkeiten für Arbeit und Kleiniudustrie' in dem Maße gesichert sind, in welchem. die Entwicklungsmöglichkeiten für die Großindustrie immer spärlicher und schwankender werden. Zwar erlebt auch das Handwerk augenblicklich schwere Zeiten, auch hier macht sich eine empfindliche Arbeitslosigkeit bemerkbar, aber man hält es allgemein für eine vorübergehende Erscheinung, die mit dem Augenblick verschwinden müsse, in dem die Resultate der schutzzöllnerischen, von der polnischen Negierung befolgten Politik sich auswirken werden, und in dem anderseits die jüdischen Handwerker mit billigem Kredite versorgt werden, der ihnen die Möglichkeit verschaffen wird, bessere Maschinen einzuführen und Rohstoffe einzukaufen. Zu diesem Zweck ist jetzt in Warschau eine Institution im Entstehen, die von der „Ort" in Gemeinschaft mit dem jüdischen Handwerkerverband ins Leben gerufen wird zur Versorgung der jüdischen Handwerker mit Rohstoffen und Werkzeugen auf Kredit. — Im allgemeinen muß gesagt werden, daß —« wenn es dem jüdischen Handwerker augenblicklich auch schlecht geht — er deshalb doch nicht verzweifelt. Und dies ist vielleicht der Grund, daß die innerhalb des jüdischen Händlertums um sich greifende Epidemie der Selbstmorde den jüdischen Handwerker und Arbeiter bisher wenigstens verschonte. Dieser fühlt allem Anschein nach, daß die Zukunft ihm gehört. Und daher ist es für die jüdische Oesfentlichkeit Gebot der stunde, auf dieser sicheren Grundlage zu bauen, die bereits bestehende Hcmdwerkerklajse innerlich zu festigen und deren Zahl zn vergrößern. Berufliche Ausbildung und billiger Kredit für jüdische Handwerker sind die Ausgaben, denen die Oesfentlichkeit ihre Aufmerksamkeit und Energie zuwendcn mutz. Diesen Weg betrat festen Schrittes die Gesellschaft „Ort" m Polen, die bereits gewisse Errungenschaften auf diesen; Gebiete aufzuweisen hat. — Die große verarmte jüdische Masse fühlt selbst, wo ihre Rettung liegt. Zu Hunderten kommen sie in .die Fachanstalten der Gesellschaft „Ort" mit der Bitte, sie aus- -unehmen und in einem Berufe auszubilden. Es ist bezeichnend, ,öaß in E Warschau allein neue 600 Menschen registriert sind, welche in die Warschauer „Ort" - Schulen und -Kurse ausgenommen werden wollten, aber infolge Platzmangels nicht ausgenommen werden konnten. (Tie Zahl der Schüler der von der „Ort" gegründeten und unterstützten Fachbildungscmstalten beträgt gegenwärtig 2200.) S-cefja 16 muß ein ganzes Retz von verschiedenen Fachschulen und - a n st a l t c n n e u i n s Leben gerufen werden,;; m diese m gro ß e n Drang na ch Fachausbildung Genüge zu l e; st e n. Man darf diese verarmte Masse nicht ihrer Verzweiflung überlassen, sonst Mrd sie sich Berufen zuwenden, die den; Judentum gewiß nicht zur Ehre gereichen werden. —# Wird es aber der Gesellschaft „Ort" genügen, das Problem in seinem ganzen Umfange zu erfassen? Wird ,vi/y IvY Örtert XI« fx^ASviir^A. Ai.k.«r:o fi i ... . . . s.. * <Z T'l9 9vvu^vuyuuvj uu JVJl'Lil UU^L^CUJVU fiU V Lebensinstinkt tu _bic Fachanstalten der ^,Ort"-Gesellschaft .rrewt, wo sie einen Beruf erlernen können? Diese Fragen werden erst dann beantwortet werden können, wenn Klarheit darüber ae° Wonnen wird, in welchem Maße bereits jüdische gesellschaftliche *reif geworden sind, daß die Ziele der KlqEULrsnLL iX,mcn‘et* ““8"tin Rampfmethoöenöerjüöisch-natkonalLnpre/1'e (Schluß.) Jnr gleichen Stil wie die zionistische Presse gegen die Orthodoxen in Palästina arbeitet ivettert sie in Deutschland gegen alle jüdischetr Richtungen loS, die sich ihr nicht anpassen. Gerade der Centralverein muß ja häufig genug Proben derartiger Provokationen über sich ergehen lassen, und die zionistische Oesfentlichkeit ist in der Regel dann noch klug genug, den Sachverhalt so 311 entstellen, als ob nicht sie, sondern iXw Eentralverein der Angreifer sei. Einige charakteristische Fälle aus der letzten Zeit ntögen dieses systematische Arbeiten der Zionisten gegen uns beweisen. Es handelt sich dabei zwar nicht um Blätter, die Herrr; Loewy so persönlich verwandt sind wie die „Wiener Morgen-Zeitung", aber immerhin gehören sie in den Teil der Presse, für die er eine Lanze schlägt. Ein kleines zionistisches Provinzorgau hat das große Glück, von einein „Freund des Blattes, der zugleich Mitglied des Eentralvereins sein will", einen Beitrag zu erhallen, der die Arbeit des Eentral- Vereins nach jeder Richtung hin, sei es in der Frage des Palästina- Werkes, sei es der Nammmn-Beweguug gegenüber, in der üblichen „geschmackvollen" Tonart abfällig kritisiert. Airs die Einzelheiten ciilzugeheu, verlohnt sich wirklich nicht, denn ioer die Taktlosigkeit besitzt, Mitglied eines Vereins zu sein, um dann in einem Organ, dessen Bestrebungen diesetn Verein ziemlich entgegengesetzt sind, feinem RUßvergiiügeii über gerade diesen Verein Ausdruck zu geben, verdient es nicht, daß man sich noch lange mit ihm befaßt. -Rur zrvei Dinge seien kurz, um die Unsinnigleit dieser ganzen Darstelluug zu charakterisieren, berührt. Der tüchtige Verfasser dieses Artikels und das treue Vereinsmitglied meint, daß die Abneigung des Eetttralvereins gegen den Zionismus so weit gehe, daß er von der im Preußischen Landtag erfolgten Zusagender Unterstützung des preußischeil Staates für die jüdischen Gemeinden nur deshalb nicht Notiz genonunen habe, weil sie den Bemühungen des zionistischen Landtagsabgeordneten Tr. B a d t in erster Linie zu verdanken sei. Wenn der Verfasser sich bemüht hatte, ein gewisses Maß von Objektivität — viel verlangen wir ja nicht von ihm — aufznbrüngeu, so hätte eine kleine Erkundigung genügt, um zu erfahren, daß die ständigen Benlühungen zweier Herren, die hervorragende Mitglieder des Hauptvorstandes des Eentralvereins sind, und zwar des Kammergerichtsrats Wolfs, des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Berlin, und des Herrn Tr. Jsmar Freund — Herr T r. Badt hat natürlich wertvoll mit gearbeitet —, diese Aktion des Preußischen Staates veranlaßt hatten. Wenn weiter in diesem Erguß die Geschlossenheit des Eentralvereins in innerjüdischen Fragen bespöttelt wird, so kann daraus uüt aller Ruhe erwidert werden, daß ein Verein, der viele Zehn taufen de von Mit gliedern hat, nicht verlangen kann, daß jedes von ihnen dasselbe denkt wie das andere. Gerade die Herren aber, die genannt werden, mögen hier und. da aus einer besonderen Einstellung gewisse Fragen anders beurteilen, in der Grundeinstellung aber stehe;; sie alle — und sie haben das oft genug erklärt — mit ganzen; Herzen auch in aller; innerjüdischen Fragen durchaus auf dem Boden der Eentralvereinsidee. Ter zweite Fall: Das Münchener „Jüdische Echo" befaßt sich in seiner Rr. 46 vom 13. November 1925 unter der Ueberschrist „Tie Sünde,. zu der der Eentralverein nichts hinzuzusügen hat" mit einigen Aufsätzen, die in der „C. B. - Zeitung" erschienen sind. Besonders geht es auf den Aussatz von Tr. Feist („C. B.-Zeitung" 45) „Bon; Germanen zun; Deutschen" ein, bekrittelt spöttisch die Tarlegungen des Verfassers, daß die Juden nicht Angehörige eines bestinnnten Volkes feien, und stellt dann die Frage: „Wie aber wird der Richtjude die Innenpolitik des Eentralvereir;s beurteilen? Er, der mehr im Bereich scharfen, willensgerichteten, absoluten Werteiis lebt als der um alle mögliche Relativität wissende Eentralvereinsmann, wird hier vielleicht sogar ein Wort wie Hochverrat nicht ganz unangebracht sindeu." Dieser Vorwurf des Hochverrats, den das „Jüdische Echo" uns hier macht, nimmt sich gerade in diesem Blatt;un so merkwürdiger aus, wenn man an die eben erwähnten Ausführungen der „Wiener Morgenzeitung", des großen Bruderorgans des „Jüdischen Echo", denkt, die ja sogar die jüdische -Orthodoxie als „klerikale Antisemiten" bezeichnet und sie als ketzerische Judenfeinde charakterisiert. Daß mir auch in einem Blatt vom Range der „I ü d i s ch e u R u n d s ch a u" immer wieder solche Anrempetuugen lesen müssen, ist natürlich noch bedauerlicher. Erst kürzlich bezeichnete sie in einer Briefkastennotiz die „Entdeckungen Professor Grinrmes" als „einen Bluff des Eelitralvereir;s", auf dorr offenbar die Presse hineingcsallen ist". Wir haben deutlich genug gesagt, daß Professor Grimme über seine Entdeckungeii m einem privaten Kreise gesprochetr hat, das; er vor allen Dingen alles, was er gesagt hat, mit großer Vorsicht als Hypothesen hingestellt hat, und daß danach von einem beabsichtigten Bluff niemals die Rede sein konnte. Nur als Symptom, wie die zionistisch-jüdische Presse mit-jedem Mittel arbeitet, muß auf diese Ausführungen hingewicsen werben. Es sind Kam pf me t h 0 de rr, die u n s weder sympathisch sind noch angebracht erscheinen, wenn das Vestrebeti, die innerjüdischen Fragen mit klarer Objektivität zu betrachten, wirklich von allen .Seiten ernstgemeint sein soll. Dr. Kurt Alexander (Krefeld).