Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 52 (24.12.1925)
- Date
- 1925-12-24
- Page
- Seite 809 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ßin Vortrag von Dr. M. Silberfarb (Warschau). An leitender Stelle^ dieser Nummer beliebtet Dr. Paul N a t Han über den Steiger-Prozeß. Wenn dieser auch mit dem Freispruch Steigers geendet hat, so wirft doch die scchzehnnwnatige Untersuchung und Derhandlnng ein grelles Licht ans die judenfeindlichen Umtriebe in Polen, wo für das durch alle Schichten der Bevölkerung ziehende Elend immer wieder die Juden verantwortlich gemacht werden. Wie unberechtigt jede mißgünstige Stimmung den Juden gegenüber in Polen ist, zeigt in erschütternder Weise der folgende Bericht über einen Bortrag, den der Vorsitzende des Warschauer „Ort", Al. Silberfarb, kürzlich vor der Zeutralverwaltung des „CrtM in Berlin gehalten hat. In so verzweifelter Notlage sollten sich alle Teile der Bevölkerung gegenseitig helfen — mir so könnte der gemeinsamen Not ein Ende bereitet werden —, nicht aber sich durch politische Verhetzung auch Wirtschaft ich völlig ausreiben. Tie Schristleitung. irtschast l i ch e & x t j c in Polen begann mit der Stabilisierung der polnischen Valuta. Tie Stabilisierung der Valuta führte zunächst zu einem empfindlichen Znsammenschrumpfen der Ausfuhr. Eine Reihe anderer Faktoren war dabei von entscheidendem Einsluß. Bor allem gilt es zu bedenken, daß die polnische Industrie mit völlig abgenutzten Maschinen arbeitet, die schon elf Jahre nicht repariert wurden; es ist anzunehmen, daß etwa 50 Prozent aller Maschinen einer gründlichen Ausbesserung und Erneuerung bedürfen. llnd dann drc «ngehcuerc steuerliche Belastung des polnischen Handels und der polnischen Industrie, die die Steuerlast in der Lorkricgozcit um das Bierzchnsachc übersteigt. Zielst man vollends den Zinsfuß in Betracht, der augenblicklich in Polen zwei bis fünf Prozent pro Monat betrügt, daun wird mau begreifen, daß die Erzeugnisse der polnischen Industrie mit denen des Auslandes unmöglich konkurrieren können. Polnische Waren wurden sogar von Absatzgebieten wie Rumänien verdrängt, wo Polen bisher über eine feste Kundschaft verfügte: und das merkwürdigste dabei ist. daß p o l u i s ch e Artikel selb st a ns de m B i n'ii e n - m a r f t i m Portierten A u^s l a u d s w a r e n n i ch 1 st a n d - halten können. Bei der Stabilisierung dee Valuta hat die Regierung Grabsky die Einfuhrzölle stark herabgesetzt, um auf diesem Wege der Teuerung — einer Begleiterscheinung jeder ^tabilisierung — vorznbeugen. Tadurch können die T s ch e ch o s l o w a t e i und Oesterreich eine ganze Reihe von Galantcrieartikeln und Schuhwaren zu Preisen in "Polen einsnhren, die weit niedriger sind als die entsprechenden 'Artikel der polnischen Industrie. Tadurch stieg dasPassivum der polnischen Handelsbilanz zusehends, und das Tefizit wuchs vom 1. Januar bis 1. August 1025 von Monat zu Monat. Zu allem kommt noch der Zollkrieg mit Deutschland hinzu, der ein Hnuptabsatzgebiet für die landwirtschaftlichen Produkte Polens abgeschustten hat. 'Man hossle allgemein, daß bei einer guten Ernte sich die Handelsbilanz bessern. und die Kaufkraft der Landbevölkerung steigen würde. Ter Zollkrieg mit Tentschland jedoch hat in bedeutendem Maße den natürlichen Absatzmarkt unterbunden. Ties alles zusammengeuommcn. hat eine Stagnation teils im Handel, teils in der Industrie herbeigesührt. In sämtlichen Industriezentren von Bedeutung, wie Lodz, B i a l v st o k, Z ge rz und anderen, stockt die Arbeit. Man findet keine einzige Fabrik, die volle sechs Tage in der Woche arbeitet. Auch die K o h l c n i n d n st r i e stagniert vollständig, weil Polen nur bis zum 10. Januar 1925 .stöhlen unverzollt nach Teutstchland ausführen durste. Infolge der oben angeführten Momente wurde der G r o ß Handel a u s s schwerste mitgenommen, die vollständige Zerrüttung des Kreditwesens versetzte ihm den Gnadenstoß. G r o ß e H a n d e l s s i r m e n, ja, g a n z e 'H a n d e l s zweige n n d so g a r g a n z e S t ad t e b a nst rottioTC n. E tza ratterst st i sch sür die ganze Lage ist, daß in der jüdischen Presse in Warschau eine Tislnjsicm geführt wird, ob ganz Wilna oder nur ein erheblicher Teil davon bankrottiert hat. — Aber nicht nur Handel und Industrie leiden unter dieser Krise, sondern cs leidet auch die Arbeiterklasse. Offiziell sind 2 65 000 Arbeitslose registriert. - Zielst mau aber den Umstand in Erwägung daß in dieser Zahl die sturzarbester und die in Werkstätten mit weniger als fünf Leuten beschäftigten jüdischen Arbeiter nicht inbegriffen sind nnd daß in den lleinereu Städten die Statistik überhaupt nicht vollständig durchgeführt ward, so dürfte sich die ungefähre Zahl der Arbeitslosen auf eine h albe M i l l i o n belaufen. Die allgcrncitte Krisis rnusttc infolge der judenscindlichen Politik die jüdische Bevölkerung mit doppelter Wucht und Schärfe trcsscu. Die 33r . v politischen Klub (Jl rständigung der pol ui sch er eil- Klub („Kostest) ha eu Negierung mit dein jüdischen ) hat bis zumheutigen Tage zu keinen greifbaren Ergebnissen geführt, jedenfalls aus dem wirtschaftlichen Gebiete nicht. N ach wie vor b l e t b i den Juden der Zutritt, zu allen mit der wirtschaftlichen Tätigkeit der Negierung, zusa mmswhä ngenden Erwerbsquellen v e rsp e r r t. Nach wie vor kann kein Jude bei der Regierung a n g e st el It werden, weder als Beamter noch als Arbeiter. Unter einigen Hunderttausenden von der Negierung beschäftigten Beamten wird man kaum ein Paar hundert Juden finden, und auch diese werden nach und nach abgebaut, stach wie vor stoßen jüdisches Kapital und jüdische Arbeit aus verschiedenartige Hindernisse, die systematisch und unablässig den Inden bei der Uebergabe von Lieferungen' und Unternehmungen seitens der Negierung oder der örtlichen Selbstverwaltung in den Weg gestellt werden. Systematisch nnd unablässig wird bei der Verteilung von Konzessionen auf Vertrieb und Produktion von Spirituosen nnd Tabak, die gegenwärtig von der Negierung monopolisiert sind, eine judenieindliche Politik dnrchgesührt. Kommt es aber trotz alledem vor, daß ein Jude einen Lieserungsauftrag bekommt, weil die Behörde selbst einsieht, daß der Jude billiger nnd zuverlässiger arbeitet, so setzt eine antisemitische Hetze ein, besonders von seiteu der antisemitische n H a n d e l s g e s e 11 s cf) a f t „N o s w o j". die ein sehr verzweigtes Netz von Organisationen im ganzen Landp besitzt. Als Illustration ist interessant zu erwähnen, daß die jüdische Gärtnerei im Gouvernement Grodno früher große Lieferungen für das Militär übernahm. Neuerdings hat aber der Fürst Trneki-Lubecki selbst eine Gartenwirtschaft eingerichtet, und seitdem konnten die sämtlichen jüdischen Gärtner ihre Produkte an das Militär nicht mehr absetzen. Tie Gesellschaft „Ort" mnußte ihnen speziell einen erheblichen 'Kredit gewähren/ damit sie ihren Gartenbetrieb anfrechterhalten können. Was die Landwirtschaft anbetrisst, so zählt man heutzutage etwa 8000 jüdische Familien auf diesem Gebiete, und zwar in Wolhynien, das nach dem Kriege Polen arrgeglicdcrk wurde, nnd irr den Bezirken Grodno, Pinst und BrcsL-Litowsk. In Wolhynien, wo seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts neun jüdische laudwirtstWstlsthe Kolonien bestehen, hat der „Ort" letztens zwei landwirtschaftliche GenyneuKhaswn eingerichtet und sie mit Krediten zur Wiederaufrichtung der zerstörten Gebäude, zum Einlauf von Pferden, Kühen nnd landwirtschaftlichen Maschinen versorgt. Im Gouvernement Grodno wurde gleichfalls 1924 eine große Genossenschaft von Gärtnern gegründet, nnd diese Genossenschaft erhielt von dem „Ort" einen entsprechenden Kredit, wie bereits oben erwähnt. Es ist abznwarien, ob die äuge kündigte Agrarreform auch den Juden nützen wird. Allerdings sind infolge der unfreundlichen Haltung der Negierung gegenüber den Inden die Aussichten sür die jüdische Landwirtschaft in Polen keine besonders günstigen. Ans all dem bisher Gesagten ist also ersichtlich daß die jüdische Bevölkerung i n st h re r w irtschartli ch e n Tätigkeit ausschließlich auf Handel un d Handwerk angewiesen bleibt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß mit der Stagnation von Handel und Industrie ein Verarnmngsprozeß begonnen hat, der immer größere Kreise erfaßt. Tie Statistik der jüdischen Wohlfahrtsgesellschaften beweist, daß die Gesuche um Unterstützung anläßlich der letzten Feiertage sich um das Fünffache vermehrt haben. Bemerkenswert ist, daß unter den Bittstellern sich Menschen, befinden, die, selber jahrelang. Mitglieder der Gesellschaft waren nnd des öfteren größere Beträge gespendet haben. Immer breitere Schichten der Bevölkerung werden vonder Epidemie der Bankrotte ergriffen, selbst selche Firmen und Betriebe, die seit Jahrzehnten tätig sind und" bisher als die solidesten galten, entgehen nicht diesem schick'al. Zahlungseinsiellungen sind zu einer alltäglichen Erscheinung geworden, die keinen Menschen mehr überrascht, die keiner "Begründung oder wenigstens Rechtfertigung benötigt und dem ohnehin niedergedrückten Händler den, Tedesschlag versetzt. Wir sind vorläufig "noch nickst im Besitze des statistischen Materials, ans Grund dessen wir die Dimensionen bestimmen könnten, die der Ruin des jüdischen Handels bereits angenommen hat. Tie Zahl der Handelsbewilligungen, die indische Firmen zum nächsten Jahre erhalten werden, wird wahrscheinlich eine gewisse Vorstellung davon verschaffen, wieviel Opfer die Krise im laufenden Jahre gekostet hat. Es drängt sich nun die Frage ans: Was soll auö jenen Zehntauscnden jüdischen Händlern werden, die vom Handel verdrängt wurden, und nicht wieder zu ihru zurück kehren können? Einzelne Personen werden den Ausweg ans ihrer verzweifelten Lago irr einem Sprung aus der Höhe des fünften Stockwerks suchen; hunderte anderer werden wach anderen Ländern auswandern, wenn es ihnen glückt, die ihnen noch gebliebenen, allzu beschränkten A u s w andern n g s m ö g l i ch k e i t e n ansznnutzeu. Wären augenblicklich mehr Emigratious Möglichkeiten in Polen vorhanden-, dann würden ohne Zweifel -Hunde rtt an sende von diesen Unglücklichen auswandern. Sogar jetzt, wo die Emigralionsmöglichkeiten sehr beschränkt sind, überlassen sich Verzweifelte einein ungewissen Schicksal, indem sie über den Ozean nach verschiedenen Ländern, wie A r ge n t i ui'-e n-, Urug u a y, Australien u. a., ausiva.'.dern. Manche haben den Namen des Landes oft -um ersten Male gehört, aber sie sagen sich, daß es ihnen schlimmer