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Central-Verein-Zeitung · 1925-12-24 · 52 (24.12.1925) · p. Seite 808

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
52 (24.12.1925)
Date
1925-12-24
Page
Seite 808 (sequence 7)
Language
German
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S08 16500 Exemplare an christliche Leser. Die schnelle Berbreitnng der „(?. V.-MormtöiniSgabc". In unserer ,.E. V.-Zeitung" von; 4. September 192-5 berichteten wir, daß die seit einiger Zeit geschossene E i n m o n a L s a n s g a b e der „C. B.-Zeilnng", von der jetzt Nr. 5 vorliegt, jeden Monat in 12 009 Exemplaren an christliche Empfänger geht. Wir können heute, nach dreieinhalb Monaten, unseren Lesern die erfreuliche Mitteilung zukommen lassen, das; die christliche Bezieherzahl der Monatsausgabe auf 18 500 gestiegen ist und noch weiter beträchtlich wachsen wird. Das bedeutet also, das; innerhalb etwas me'ar als drei Monaten nicht weniger als 0500 christliche Empfänger der Monalsausgabe im Deutschen Reiche hinzugetvunncn sind. Dieser erfreuliche Fortschritt genügt uns aber bei weitern nicht. Es gibt noch umfangreiche Bezirke des Vaterlandes, wo in maßgebenden christlichen Häusern die „E. V.-Zeitung" unbekannt ist. Sie^niuß überall in die Häuser der führenden christlichen Männer in ^tadt und Land gelangen, und Zentrale und Landesverbände werden an dicsein wichtigen Werke eifrig weiter wirken, bis das Ziel einigermaßen erreicht ist. Unsere Mitglieder, die die Morratsausgabe kenueiil erneu rvollen, erhalten ans Wunsch ein Exemplar gratis. Daß außer der Einmonatsausgabe auch die „E. B.-Zeitnng" in der Wochen ausgabe in viele Tausende ch r i st I i cf) c H ä w f c t gelwrgt, sei nebenbei errvähnt. Eine Hochburg ösr Vö'lklfchsn. Was geht auf den Trcmcnswertcn vor? Vom „Vorroärts" bis zur „Täglichen Rundschau" herrscht in politischen Kreisen nicht zu steigernde Erregung über den Mordplan gegen Stresernann. Da der Hanplattcntäter Kaltdorff bei den Tiemenswerlen beschäftigt war und in einem Aussehen erregenden Brief damit geprahlt hat. daß in den Siemcnswerken völkische Agitation sehr leicht sei, richtet sich ein gut Teil dieser Empörung gegen den „Verschwörungs-Herd" der Diemens-Betriebe. Wir sind gewohnt, alle Dinge in ihrer historischen Entwicklung zu betrachten und wollen auch in diesem Falle von unserer Gewohnheit nicht abgehen. Vor dem Kriege gab cs in den Siemenswerken eine starke wirtschastsfriedlich-e Arbeiterbewegung. Tie Leitung des Riesenuuternehmens hatte ein Interesse an einem Gegengewicht gegen die gewerkschaftlichen Organisationen. Diese „gelbe Bewegung* geriet bei Allsbruch der Revolution in das radikalste Fahrwasser. Die wirtstchastssriedkiche Organisation schmolz in ein Nichts zusammen, und auf der anderen Teile kamen in die organisierte Arbeiterschaft Heißsporne ans der „gelben Bewegung* hinein, die, weil sie keine gewerkschaftliche Vorbildung hatten, Unruhe in den Siemens-Betrieb brachten. Direktoren konnten nicht an ihre Arbeitsstätte; es kam zu Prügelszenen vor den Direktionsgebänden. Das Bestreben der Leitung ging nunmehr dahin, durch Schaffung eines Sicherheitsdienste s Zwischenfälle solcher Art unmöglich zu machen. So wurden systematisch ehemalige Offiziere eingestellt, die den Titel „Brandmeister" erhielten, weil sie offiziell den Feuerschutz zu übernehmen hatten. Daneben wurden eine große Anzahl von Ossizieren für die technische Nothilse gebraucht und eine groye Anzahl von Leuten als Aufsichlsbeumte eingestellt, um Diebstähle größeren Ilmsanges unmöglich zu machen. Allmählich wuchs die Zahl, so daß sich, schon für den Fernstehenden erkennbar, ein Maat im Staate bildete. Selbstverständlich betätigten sich diese Ossiziere und Angestellten, die aus dem völkischen Lager kamen, auch politisch und suchten unter den hundertundzehntausend Arbeitern des Liemenswerles parteipolitische Er ob er u n g e n zu machen. Nicht nur dadurch wurde die völkische Gemeinschaft innner größer, sondern vor allen Dingen durch den Umstand, daß völkische Angestellte Gesinnungsgenossen irr immer größerem Umfange in den Betrieb hinein empfahlen. Aus diese Weise ist zweifellos auch der Attentäter Kalldorfs, der den Mordplan gegen Stresemann ausßeheckt hat, bei den Siemenswerken gelandet; s o hat sich der zugendliche völkische Heißsporn Dolle dort cimiiftcu können, und so haben sich die jungen K u - K l u x . K l a n - L e u t e bei Siemens eingebürgert. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß die Sicmenöwerke durch systematische Werbearbeit das Dorado der Völkischen irr Groß-Verlin geworden sind. Wir im Eentralverein haben diese Vorgänge seit langem scharf beobachtet und dafür gesorgt, daß sie zu Ohren der obersten Leitung, die sicherlich nicht antisemitisch eingestellt ist, gekommen sind. Aber immer wieder wurde uns erklärt, was der Siemens- Konzern jetzt in der Presse veröffentlicht, daß die Firmenleitung es grundsätzlich aL l eh n e n müsse, der politischen, m i li L ä r i f ch e n, foitfeffionellcn oder gewerkschaftlichen Betätigung des einzelnen nachzugehen. # Fortgesetzt gelangten an uns in den letzten Jahren Klagen, daß die Siemens werke Juden nur in selten st e n Fällen aufnehmen, weil völkische Oberingenieure und Unterdirektorcn in den Siemenswerken vollständig die Macht in den Händen haben. Erst der Mordplan gcgen Stresemann mußte entdeckt werden, um die Situation blitzartig zu beleuchten. Wenn jüdische Angestellte nicht systematisch ausgeschaltet worden wären, dann wären solche Mordpläne vielleicht' nicht möglich gewesen. Weil die Völkischen unter sich sein wollten, mußten die jüdischen Bewerber draußen bleiben. Sollte die schwere Einbuße an Ansehen, die der Siemenslonzern durch den aufgedeckten Mordplan besonders in; Ausland erlitten hak, nicht die leitenden Herren endlich eines Besseren belehrt haben? Bringen wir Beschwerden wegen völkischer Umtriebe oder gegen die Zurücksetzung jüdischer Angestellter vor, dann haben wir oft den Eindruck, als ob inan uns als Wortführer rein j ü d i s ch er Interessen ansieht. Jetzt kann inan wieder einmal erkennen, das; unser Kampf gegen den Judenhaß im großen und im kleinen nicht ein Kampf sür uns ist, sondern für die Kultur, für die politische und NnrtschastLichc Ehre Deutschlands. Schweriner. Zwei Monate Gefängnis für Streicher. Antisemitische Gesinnung als StrasmilvernngSgrnnV. Bor de:n Nürnberger Schwurgericht fand in zweiter Instanz der Deleidignngsprozeß des Oberbürgermeisters D r. Luppe gcgen den völkischen La ndtagsabgc ordneten und S t a d t r a t Julius Streicher, Hanptlehrer a. D., statt. Letzterer führte seit drei Jahren in seinem Hetzblatt „Der Stürmer* und in Volksversammlungen einen systematischen Verleumd u it Q § f c I b 3 li g gegen den Nürnberger Oberbürgermeister. dem er Landesverrat, Steuerhinterziehung, Rechtsbeugung, Verschleuderung städtischer Gelder, Unwahrhastigkeit nsw. vorwarf. Er sprach vom „schmutzigen Oberbürgermeisterrock*, behauptete, daß ein solcher Oberbürgerinelster Hiebe verdiene und mit der Peitsche durch die Straßen Nürnbergs gejagt gehöre, und er fand das sinnige Wortspiel: Luppe - Lump. Nach vierwöchiger. Berhandlungsdauer und nach Vernehmung unzähliger Zeugen, die man aus allen Himinelsrichtnngen hcrbeiholte, wurde die Grund- und Haltlosigkeit der Streicherschen Behauptungen sestgestellt und der Angeklagte zu zwei Monaten Gefängnis ohne Bewährungsfrist und zur Tragung der Kosten vcrurteilt. Und warum diese ganze Hetze, dieser fanatische Haß gegen Dr. Luppe? Weil Streicher, ein verbohrter Antisemit schlimmster Sorte, von der fixen Idee besessen ist, Tr. Luppe fei Judo oder judenversippt und müsse aus diesem Grunde beseitigt werden. Obwohl Dr. Luppe seine Abstammung aus einer rein christlichen holsteinischen Familie uachwics, war Streicher unbelehrbar. Für ihn war — nach seiner eigenen Aussage — der Höhepunkt des Prozesses der Moment, in welchem er dank eines anonymen Brieses Tr. Lnppes Verwandtschaft mit einer jüdischen Familie Nachweisen zu können glaubte. Aber auch hier erlitt er jämmerlich Fiasko, indem besagte Familie erstens nicht mit ihm, sondern mit seiner Frau verwandt und zweitens überhaupt rein christlicher Herkunft ist. Eine große Rolle in diesem Prozeß spielte die Frage, ob Sozialdemokraten und I u d§e n von Dr. Luppe bei Besetzung städtischer Aemter bevorzugt würden, wie Streicher ständig behau Mete: es wurde sestgestellt, daß sich unter etwa 3 0 0 9 st ä d t i s ch e n B e a m t e n und A n g e st e l l t e n nur fü ns bis s echs I u d en befinden. Bemerkenswert waren die Z e n g e n a u s s a g e n von Hi-tler und Esser, denen man in größter Loyalität mehrstündige Versammlungsrcden über Zweck und Ziel des Nationalsozialismus im SchwurgerichtSsaal gestattete. Beide Führer bekundeten, daß S t r e i ch e r diesen Kampf i m Auftrag der Partei führe, er gelte nicht den; Kommunalpolitiker Luppe, dessen große Fähigkeiten ans diesem Gebiet auch .sie anerkennen, sondern einzig und allein dem typischen Vertreter des „demokratisch-jüdischen Systems", als den sie Luppe betrachten, und dieser Kamps werde fortgesetzt, bis Luppe satte. Der Staatsanwalt, der sechs Monate Gefängnis beantragt hatte, bezeichuete Streichers Treiben als geradezu gemeingefährlich und geeignet, die Atmosphäre völltg zu vergasten. Entgegen seinem Antrag lautete das äußerst milde Urteil nur auf zwei Monate. Merkwürdigerweise wurde der f a n a t i s ch e I u d e n h a ß Streichers ihm als „ft rasmildernd" angerechnet mit der Begründung, daß alle diese Anschuldigungen Streichers Wahnidee über die jüdische Abstammung Dr. Luppes entsprängen, und daß er sich nach seiner politischen Einstellung sür berufen halte, ihn ans tiefem Grunde rücksichtslos zu bekämpfen. Was das äußere Bild dieses Prozesses anbelangt, so muß bemerkt werden, daß Streichers Anhang in Nürnberg bedeutend n a ch g e l a s s e n hat. Das zeigte sich nicht nur im Gerichtssaal, wo diesmal ruhig und sachlich verhandelt wurde, sondern auch außerhalb desselben, wo tie beim ersten Prozeß üblichen allabendlichen Ovationen begeisterter Streicherianer für ihren Herrn und Meister vollkommen ansbliebcn. Daß Streicher trotz wiederholter Verhängung von Gefängnisstrafen wegen Beleidigung nicht gewillt ist, seine Hetze einzustellen, mag die Tatsache beweisen, daß die anläßlich des Prozesses hercmsegebenen E x t r a n u m m e r n des „S t ü r m c x“ polizeilich eschlagnahmt wurden. Streicher scheint seiner Amnestie ziemlich sicher zn fern, was sein ganzes Auftreten erklären dürste.

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