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Central-Verein-Zeitung · 1925-12-24 · 52 (24.12.1925) · p. Seite 806

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
52 (24.12.1925)
Date
1925-12-24
Page
Seite 806 (sequence 3)
Language
German
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806 Polizisten der Staat s Polizei, die den ersten Vernehmungen der Pasternak beiwohnten, bezeugen ihrerseits diese allmähliche Umformung ihrer erstell Aussagen. So schien man denn den Attentäter zu haben, and man hatte die erste Zeugin für die Tat. Zu einer Tat gehört bei Menschell mit fünf gesunden Sinnen noch eines, und zwar unabänderlich, ganz unabänderlich: nämlich die Motive, die zu einer so furchtbaren Tat, wie es der Versuch eines Mordes ist, führen. Man suchte natürlich auf das eifrigste nach diesen Motiven; sie fanden sich nicht; sic liehen sich nicht finden. War Steiger Komnlunist, war er Anarchist? Nichts ergab sich; hatte er Anlaß zu persönlicher Feinschast gegen den Präsidenten? Kein Anhaltspunkt hierfür. Steiger erklärte offen, er sei Zionist, und er gehöre einer in voller Offenheit sich betätigenden zionistischen Organisation in Lemberg all; aber was hat der Zionismus mit der Person des Präsidenten von Polen zn hm? Nichts, gar nichts. <70 hatte man delln eine angeblich durch eine Zeugin beobachtete Tat; aber es gab kein begreifliches Motiv für diese Tat; nicht einmal theoretisch hätte sich diese Tat begreifen lassen. Und endlich wurde durch eine Reihe von Zeugen erwiesen, daß Steiger den Tag des Attentats vonl frühen Morgen all in der harmlosesten Weise verbracht hatte, und daß er für den Abend eine Verabredung hatte, mit seiner Verlobten ins Theater zll gehen; auch ein merkwürdiger Vorsaß für einen Menschell, der auf Mord ausgeht, den Tag so nbzuschließeu. Im Verlaufe des abschließenden öffentlichen Prozesses tauchte dann noch eine Zeugin aus; aus Wien reiste eine Frau Lodl zu und erklärte, sie habe dasselbe gesehen wie Fräulein Pasternak. Warum sie erst seht, nach sünfviertX Jahren, koinule, konnte sie nicht erklären; bei der Konfrontation der Lodl mit der Pasternak ergaben sich die ärgsten Widersprüche und Verwirrilngen, die nicht auszugleichen waren, und der Bruder der Lodl erklärte von seiner Schwester, sie habe den „Ruf einer alten Plapplerür. Mit dieser Zellgin, die nach vierzehn Monaten austauchie, war kür die Aufklärung des Prozesses nichts anzufangen. Also folgendes Ergebnis: Zwei Belastnngszeuginnen, von denen die eine zunächst eine Vermutung und nichts als eine Vermutung ausgesprochen hatte, die sie dann zu einer positiven Behauptung umgestaltete: dies turnt) Zeugen erhärtet; und ein zweite Zeugin, die von ihrem eigenen Bruder und der Verwandtschaft nicht ernstgenommen wird, und die ihre wichtige Beobachtung langer als ein Jahr für sich.behält, und endlich ein Täter, für dessen angebliche Tat sich ein Motiv absolut nicht ermitteln läßt; und das ist das Entscheidende: Eine T a t 0 h n e auffindbares Motiv. # Von einer anderen Seite kam Licht in das Tunket, das um das Attentat gelagert war. # Am 2. Oktober IRLl überschritt die preußische Grenze von Polen aus ein jüngerer Manu ohne Papiere. Die Grenzpolizei nahm ihn, wie üblich, fest. Und er erklärte mm bei dem Verhör, er sei Ukrainer; er sei aus Polelt geflohen, da er das Attentat in Lemberg auf den polnischen Präsidenten ausaesührt habe; und er verlange als politischer Flüchtling Schuß; er heiße Theophil Llszanski. Tie Grenzpolizei verhaftete ihn und führte ihn nach Beuthen. wo er zunächst ins Gefängnis kam. Tort wurde er richterlich vernommen und gesetzmäßig wegen Grenzüberschreitnna ohne Papiere zu einer kleinen Freiheitsstrafe verurteilt und'ebenso gesetzmäßig als politischer Flüchtling sreigelassen. Llszanski ging dann, was er sogleich der Grenzpolizei erklärt hatte, zu Freunden nach Berlin, und hier gab er nochmals an amtlicher Stelle zu Protokoll, daß er als Emissär, des ukrainischen Militärkomitees die Bombe in Lemberg geworfen habe, um gegen die Vergewaltigung der Ukraine durch Polen zu protestieren. Dieses Geständnis des Ukrainers gab die Begründung der Tat — Protest gegen die polnischen Unterdrücker — und eine solche Begründung der Tat war bei Steiger nicht 31t ermitteln; erklärlicherweise. Die Tatsache der Verhaftung Olszanskis an der deutschen Grenze wurde auch in Polen bekannt; aber der Staatsanwaltschaft dort schien es nicht geboten, diesen ukrainischen Spuren nachzugehen; sie war zufrieden, Steiger in ihren Fängen zu haben. Genau wie im Treysus-Pro.zeß war in kurzem alle Welt, die sich mit der Angelegenheit beschäftigte, von der Unschuld Steigers überzeugt, und ebenso von der Stichhaltigkeit der Angaben Olszanskis — nur die Staatsanwaltschaft in Lemberg bequemte sich nicht zu diesem Standpunkt. Tie führenden Personen der ukrainischen Kolonie in Berlin, deren Lage eine schwierige war, haben dann in durchaus korrekter Weise sich schließlich zu dem Entschluß durchgerungen, als eine Verurteilung Steigers in den Bereich der Möglichkeit rückte, nochmals in Üebereinstinunnng mit Llszanski, diesen }it entsprechenden Erklärungen über seine Tat vor der deutschen Polizei und vor ministeriellen Amtspersonen 31t veranlassen. Llszanski machte nochmals dieselben Anssagen, die er vor den Grenzpolizisten und vordem Züchter in Beuthen gemacht hatte, und diese Auslagen wurden hieran; vom Auswärtigen Amt in Berlin nach Warschau und von der polnischen Regierung von Warschau nach Lemberg an das Gericht übermittelt. Tie Lemberger Polizei war freilich nicht zu überzeugen, und einer ihrer erleuchteten Vertreter machte im Gerichtssaal die riessinnige Vcmerkung: Llszanski sei in Lemberg niemals in irgendeiner Wohnung g e ui e t d e t worden: folglich sei er überhaupt nicht in Lemberg gewesen. Eine Polizei, die verlangt, daß politische Attentäter ihren Aufenthalt polizeilich anmelden, ist den unsterblichen shatespeareschen Polizisten an die Seite zu stellen. Als Ergebnis konnte sich von zwei Möglichkeiten schließlich nur eine ergeben. Freispruch von Steiger, wenn die Geschworenen die Wahrheit erkennen wollten. Verurteilung von Steiger, wenn die antisemitischen Leidenschaften und der enge Geist Lemberger Provin.zialvvreingenommenhcit und partikularer Selbstherrlichkeit triumphierten. Europäische Vorurteilslosigkeit hat den Sieg davongelragen, zugleich dank der hingebenden Tätigkeit der Verteidiger; und dem Zolaschen ^atz beim Trcysns-Prozeß: La veiite est en marelic, kann man heute den Satz hinzusügen: Unabhängige, leidenschaftslose Gerechtigkeit nimmt Besitz auch von den östlichen Staaten Europas; freilich hat ein Unschuldiger länger a l s e i u I a h r unter Todesdrohnng im Gefängnis verbringen müssen. Das; die Antisemiten Polens den Versuch machen werden, ihre Leidenschaften nach dieser Enttäuschung in Pogromen anstoben zu lassen, ist nicht ganz unwahrscheinlich. Ter polnischen Negierung würde alsdann die Aufgabe Zufällen, auch ihrerseits den Beweis zu erbringen, daß Polen zu Europa gehört. Es ist aus vielen Gründen nicht zu bezweifeln, daß dieser Beweis nötigenfalls erbracht werden würde. Der Spekulant. Die BörscnorDers des Herrn v. Holstein. „Ein altpreußischer Royalist, dem die Standarte des Herrn das Palladium war. Ein scharfsinniger, tapferer, uncigcnnütziger Mann, der sich von keinem was schenken ließ, streng ans Sauberkeit hielt." (Harden, „Köpfe". I. 144.) War er es wirklich, der Wirkliche Geheime Rat Freiherr Friedrich v. H 0 l st e i n , Exzellenz, Vortragender dl a k im Auswärtigen Amt? Oder haben jene recht, die „tiefes Mißtrauen gegen seinen E har alter und wahres Mitleid mit seinen pathologischen Anlagen" (Hammann) hegten? Tie interessanten Eni h ü l l u n gc n , die Tr. Ern st F e d e r vor kurzem im „Berliner Tageblatt" (Ar. 59g und 595) gebracht hat, werfen ein ganz n e u e s L i ch t a n s d e n „M a n n i ni Dunkeln", wie man die „graue Eminenz" nannte, den keiner recht kannte, der aber unter den verschiedensten Bezeichnungen — auch „Ansternsrennd" genannt — sein dunkles W esen in der hohen deutschen Politik trieb. Kanzler des Kaiserreichs kamen und gingen, ^taats'ekretäre und Ministerialdirektoren, Holstein blieb im Verborgenen, stets als schlichter Vortragender Rat, aber er h i e l t d i c Fäden der auswärtigen Politik in der Hand, ohne ihn konnte und durste nichts geschehen. Botschafter und Gesandte in allen Ländern ließ er wie Marionetten Lanzen. Jetzt ist der Schleier des Geheimnisses über sein finsteres Treiben gelüstet worden, nicht nur brennender Ehrgeiz, Machthunger, nein, vor allem H ab s u ch t it ndSpekn- Ift nten tum war es, was ihn veranlagte, stets in Deckung zu bleiben. Ungefähr R) Jahre hindurch plaudert Holstein intimste Staatsgeheimnisse aus, die er seinem Bankier anvertrant, um sie für sich zu nutzen. Täglich schreibt er dem Bantmann, oft mehrmals, trifft sich heimlich mit ihm, und alle geheimen Nachrichten, die ihm privat meist eher zugingen als seiner Behörde, verwertet er für s i ch. Rur einige Beispiele seines Treil>ens! „Macht die türkische Negierung ihre Anleihe in Renten, so sällt alles Türkische. Gibt sie aber Bons ans, so erwartet man eine schnelle Steigerung von 10 Prozent oder mehr . . . Wenn ich Ihnen telegraphiere ... so heißt das, die Ausgabe von Bons ist sicher. Kausen Sie alsdann einen Posten Türken für uns beide." — „In den nächsten Tagen findet in Petersburg eine

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