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Central-Verein-Zeitung · 1925-12-24 · 52 (24.12.1925) · p. Seite 805

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
52 (24.12.1925)
Date
1925-12-24
Page
Seite 805 (sequence 1)
Language
German
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Serlin, 24. Dezembsr 1925 IV. Jahrgang > lle. 52 Einzelnummer IS Go!--ftnmz <> mmm SU. 2Ul£>emeine Zeitung des Judenrums gJlönctsabonr.cmcnt 40 Golbpfennlg zuzüglich Vesrellgeld Verlag u. Cchriftleituug: Berlin L^V 63, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3394, 3j95. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Dank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7, und von Solds chm i d t-Ro ths child & Co., Berlin W 8. Dllelniae Anzeigenannahme: Annonccn.Cxpedition Rudolf Masse, Berlin 8W 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,00 JiM für die "gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Ce'.nralveceins 0,43 JIM., die 9b mm breite Re!iamezeile 4,80 JIM. MEV - ‘s^V %/ s. Der Lembsrger AtLentatoprsZsß. von Dr. Paul Nathan. In Lemberg ist in der letzten Woche ein Prozeß zu Ende gegangen, bei dem es sich um die Freiheit und vielleicht um das Leben eines jungen jüdischen Kaufmanns handelte; ein Ereignis. das jenseits des Kreises der unmittelbar Beteiligten ein größeres Interesse nicht hätte Hervorrufen müssen. In bicfcut Falle war das Interesse ein großes; annähernd ein so großes, wie bei dem Dreyfuß-Prozeß in Frankreich. Die Ursache ist eine ofsenliegende. Es ging nicht darum, ob der angeklagte Jude Steiger verurteilt werden würde; vielmehr hatten die polnischen Antisemiten dafür gesorgt, daß die Anklage gegeneine einzelne Person zugleich zu einer Anklage gegen die Inden in Polen wurde, und eine Verurteilung des Inden Steiger würde voraussichtlich zu einer moralischen Anklage gegen die Masse der Juden in Polen und in weiterer Auswirkung zu Pogromen in einem Ausmaß geführt haben, deren Schrecken und Furchtbarkeit nicht abzuschätzen ist. Auch dieser Prozeß hätte die Bedeutung haben können wie das Steinchen, das eine weithin verheerende Lawine in Bewegung setzt. So lohnt es sich denn, die charakteristischen Züge dieses Prozesses wenigstens in knapper Form sestznhalten. Am 5. September 1924, also vor jetzt fünfviertel Jahren, stattete der Präsident der polnischen Republik der Stadt Lemberg einen Besuch ab. Die Ansicht über die Ungefährlichleit eines Aufenthaltes des Präsidenten in Lemberg war innerhalb der kompetenten Behörden geteilt. Die politische Polizei in Warschau hielt den Besuch für nicht unbedenklich; die örtliche Polizei in Lemberg glaubte sich starkmachcn zu können, jede Gefährdung des Staatsoberhauptes auszuschließen. Es fand darauf die Fahrt nach Lemberg statt, und als der polnische Präsident durch die Straßen fuhr, ward gegen ihn eine Bombe geschleudert, die glücklicherweise niemanden verletzte. Erwiesen war sonnt, daß die politische Polizei in Warschau die Lage einsichtiger beurteilt hatte als die Leinberger örtlichen Polizeibehörden; und damit ergab sich ein Gegensatz, eine Rivalität zwischen den beiden Behörden, die ans die Weiterentwicklung der Untersuchung nicht ohne Folgen geblieben ist. . Die Lemberger versuchten sich herauszupauken; das schien ihnen zunächst vorzüglich zu gelingen. War das Attentat freilich nicht verhindert worden, so hatte man doch den Attentäter angeblich im Handumdrehen erwischt, und das geschah - folgendermaßen: | Nach dem Bombenwurf, der zum Heile alter so ungefährlich verlausen war, flüchtete zunächst, wie erklärlich, alle Welt. Wer konnte wissen, welche Verheerungen die Bombe noch anrichten würde! Unter den Flüchtenden befand sich auch ein junger . Mann namens Steiger und eine Ballettänzerin namens i Pasternak, die nahe beieinander gestanden hatten, um die ‘ Borbeisahrt des Präsidenten zu sehen, und die dann gemeinsam, freilich ohne sich zu kennen, flüchteten und in demselben Hausflur Schutz suchten. Fräulein Pasternak scheint tatsächlich und gutgläubig im ersten Schrecken den Eindruck gehabt zu haben, daß der ihr Zunächststehende, nämlich Steiger, die Bombe geworfen habe. Sie sagte anderen Geflohenen — und das wird von einer Reihe von Zeugen bestätigt: „Es scheint mir, daß dieser Mann" — nämlich Steiger — „derselbe sei, der die Bombe geschleudert hat." Immer nur sprach sie zu Anfang eine Vermutung aus; es scheine ihr, daß Steiger der Attentäter sei; so die Aussage einer ganzen Reihe von Zeugen, mit denen sie unmittelbar nach dem Ereignis sprach. Es läßt sich somit nicht das geringste dagegen sagen, daß die Lemberger Polizei aus diese Angabe hin Steiger sofort verhaftete. Jetzt trat der Umschwung ein. Hatten die Lernberger Polizeiorgane den Anschlag weder so rechtzeitig aufgespürt, um ihn überhaupt ,31t verhindern, noch ihn in der Ausführung durch eine Schutzkette um den Präsidenten unmöglich gemacht, so hatten sie doch wenigstens so forsch und so schnell zugegriffen, daß der „Verbrecher", kaum war das Verbrechen begangen, auch schon in ihren Händen war. Es war begreiflich, daß sie keine Neigung hatten, sich die „Beute" wieder entreißen zu lassen, und der rettenden Heldin, Fräulein Pasternak, wäre auch nicht damit gedient gewesen, ihre große Rolle wieder abzugeben. Es scheint durchaus nicht, daß sie bewußt ein falsches Zeugnis später abgelegt hat, wenn sie ans diesem „es scheint" alsdann die positive Behauptung formte: Steiger hat die Bombe geworfen. Die Polizei drängte aus diese Aussage; die Beamten suggerierten diese Aussage. Was hatte sie denn gesehen? Es wurde ans ihrem Vorleben durch Zeugen sestgestellt, daß sie hysterisch, daß sie exzentrisch sei, und ans dem schmalen Psa.de zwischen „scheint" und „hat" kam sie so unmittelbar zu der sicheren Behauptung: Er hat ... er schleuderte die Bombe. er V 1 $ Steiger - Olszanslk. Der lemberger Atteniateprozeß. Von Dr. Paul Nathan. Der Heren Kalsssed. Seite soi. Tie Verelendung der polnischen Inden. Von Dr. M. Silberfarb (Warschau). j Seite 509.

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