Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1925-12-18 · 51 (18.12.1925) · p. Seite 796

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
51 (18.12.1925)
Date
1925-12-18
Page
Seite 796 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277569-2277620--02609-3537573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

795 Nom Wesen echter jüdischer Presse — Die rionisiische Auffassung darüber — Minoritätenschutz — Die „Wiener Morgenzcitnng" gegen die LLguda — „Die Partei der Kctzcrbratcr". Wir haben in der ersten Nummer der „C. V.-Zeitung" das Wesen der jüdischen Presse dahin klargelegt: „Da« wahrhaft jüdische Organ ist nicht berufen, Sensationen zu bringen, ist nicht geeignet, zwischen Arbeit und Arbeit, in einer kurzen (5rboln.ua?- pansc, gelesen zu werden, sondern cZ soll ein Blatt sein, da? Kenntnis des Judentums vermittelt und dadurch die Liebe zum Judentum stärtt. Erledigt cs aber mit Ernst diese Aufgabe, so lic^t ctz auf der Hand, daß cs vom gewöhnlichen, modernen Zcitungsslil sich scrnbalten nuch. Es hat ganz andere Wege einzuschlagen. Das jüdische Blatt soll in die Liese gehen. Es soll an dem Innern de? Lesers rütteln. Es soll zum Nachdenken anregen, und zwar zum Nachdenken über Tinge, die man sonst gerne achtlos beiseite schiebt." An dieser Erklärung halten wir in vollem Umfange auch heute noch fest. Anders die zionistische Presse. Ihre Kampfmethoden haben Formen angenommen, die dem. was wir als Wesensart der jüdischen Preise aussassen, direkt entgegengerichtet sind. Sie gibt sich mit dem Ansgabenkreis, den nur der jüdischen Presse znweisen, nicht zufrieden-, sondern schiebt Sonderfragen in den Vordergrund, die in vielfacher Hinsicht mit den Fragen der Allgemeinheit nicht in Einklang zn bringen sind — oft sogar in demagogischer Weise. Daß diese Kampscsart der zionistischen Presse nicht Zufall, sondern Methode ist, tritt denk lieh hervor in einem Aufsatz von Julius Loevp, dem Chefredakteur der „Wiener Morgenzeitrmg" (in der Festnnmwer der „Neuen Welt", herausgegeben vom Weltverband zionislischer HochschülerJ. zum Zionistenlongrest in Wien. Dieser Anssatz enthüllt die Absicht des Zionismus und die Ausgabe der zionistischen Presie bei seiner Durchsetzung in einer Schärfe, wie sie klarer kaum zum Ausdruck gebracht'werden kann. Es seien zunächst zwei Stellen ans diesem Aussatz angeführt, die mit aller Deutlichkeit beweisen, worauf man hinaus will: „Eingcschlosscn unter fremde Böller ist da? Judentum, abgesehen von seinen eigenen Kräften, angewiesen ans den Minoritätssämtz. welcher durch den Völkerbundpakt zum Bestandteil des internationalen Böckerrechts geworden ist und cs für die nächsten Jahre wohl bleiben wird. Wie soll die Welt von unseren Beschwerden Kenntnis erhalten, trenn wir nicht immer wieder Tag für Tag^zn den Völkern sprechen und unsere Anklagen erheben? In dickem vsinne ist die nationale jüdische Presse ein wichtiges Kampf- und Verteidigung-mittel in den Wechselfällen des politischen und wirtschastlichen Alltags. Es ist von ungeheurer Bedeutung, daß die nichtjndische Welt von uns selbst Kenntnis davon erhält, was wir wollen und was wir ablehnen. Wir haben die Willensbildung des jüdischen Volles zu vollziehen, und wir haben aus unsere Umgebung Einfluß zn üben." und „Unsere Presie muß den Konkurrenzkampf mit der ausgezeichnet organisierten Judenpresie ausnehmen, welche die ganze Mache glanzend beherrscht. Das Wort Bismarcks, Journalisten seien Leute, die ihren Beruf verfehlt haben, ist lange nicht mehr wahr, und wenn es bisher wahr gewesen wäre, so dürfte cs von nun an nicht mehr gelten, und das besonders für unsere Presse. Wer ein Meister werden will, must sein Handwerk lernen. Es genügt nicht, dast man schreiben kann, es ist notwendig, zuweilen sogar viel wichtiger, dast man so schreibt, wie es auf das Publikum cim besten wirkt. Das ist eine Frage der Massenpshcholvgie, und die jüdische Masse ist den gleichen soziologischen Gesehen unterworfen wie jede andere. Es müssen jüdisch-nationale Blätter geschaffen werden, die in der Sprache des Landes geschrieben sind; es müssen moderne Journalisten herangebildet werden, die materiell so gestellt sind, dast sie als Wortführer der Nation ihren Beruf ohne Sorgen ausüben können: es must schließlich eine Stelle geschaffen werden, welche die Verhältnisse des Gefanltjudentums überblickt und aus ihrer Kenntnis der Tatsachen und Stimmungen für eine einheitliche Informierung der Presse im Sinne der großen Ziele der Gesamtnation Sorge tragt." Die Deduktionen des Verfassers muten um so eigenartiger an, als er am Eingang seiner Ausführungen die Aufgaben der jüdischen Presse in Gegensatz zn der übrigen Presie stellt, die keine Weltanschauung, keine Partei, keine Konfessionen kenne, sondern die nur das Bestreben habe, aus einem zur Verfügung gestellten Kapital möglichst großen Mehrwert zu erzeugen. Dieser kapitalistischen allgemeinen Presse soll also die jüdische Presie mit ihren ideellen Aufgaben gegenübectreten. Leider aber sind die Ausgaben, die der Verfasser seiner jüdischen Presie vorzeichnet, in nichts zu unterscheiden von dem, was die „k a p i t a l i st i s ch e" Presse will; im Gegenteil, wenn der Verfasser ausdrücklich betont, daß man schreiben müsse, wie es aus das Publikum wirke, so verkennt er die Grundaufgabe einer guten Presse, und erst recht einer Presie mit ideellen Zielen, kdie Presse mutz da8 Publikum führen, nicht umgekehrt. Loewh aber erhebt das Publikum zum Führer der Presie. Auf die Wirkung allein soll alles abgestellt werden, nicht aus das Ziel. Wie man da noch von Idealismus sprechen kann und wie man da noch einen Unterschied zur „kapitalistischen" Presse herzustellen vermag, ist unverständlich. Und auf der anderen Seite muß der Versuch, die Erörterung der jüdischen Belange in Konkurrenz treten zu lassen mit den Erörterungen der allgemeinen Volksinteressen, von unserem Standpunkt mit aller Entschiedenheit z u r ü ck g c w i e s e u worden. Auch wir wünschen natürlich, daß die Oeffentlichkeit erfährt, was das Judentum lv i l l und was das Judentum ist, aber wir haben keine besonderen politischen Ziele zu verfolgen, die von den Zieler; des Volkes, unter de m wir leben, a blv eiche n. Diejenigen, die von dem „M i n o r i t ä t e n s ch u tz" reden, den wir Juden zu beanspruchen haben, wissen nicht, welches llnhcil sie damit für sich und alle diese, auf die sie eimvirkeu wollen, aurichtcn. Wenn es tatsächlich soweit gekommen sein sollte, dast das Judentum zu einer politischen Minorität degradiert uwrden ist, dann wird auch die jüdische Presse, die Herr Loewy meint, kein Gehör mehr jinden. Um die jüdische Minorität wird sich kein Mensch kümmern, und auch Palästina wird nicht in der Lage sein, seine schützende Hand über diese nationale Minderheit zu halten. Es ist eine winzige und in Wirklichkeit nur eine stark reale und materielle Aufgabe, die sich die jüdische Presse setzt, die die nationale Kultur und die politische Selbständigkeit eines jüdischen Volkes lehren will. In der Tat kann das nur eine Presse tun. die abhängig ist von ihren Lesern und die schreibt, was die Leser gerne hören möchten. Einsichtige und weitblickende Journalisten aber werden die Gefahren und die Vermmftwidrigleit eines solchen Beginnens eher einsehen. Wir dürfen uns nicht irremachen lassen, wenn man solchermaßen von Idealismus redet. Nichts kann realer sein, als die Verfolgung politischer Ziele. A c u s; e r st e r Realismus aber ist es, w cmi man eine Gemci n schaft, deren Z u s a nt m e n hange im Religiösen, also im tief Ideellen »u u r 3 e f n , in eine politische Körperschaft verwandeln will. Das Bestreben des Verfassers, d-en Idealismus seiner jüdischen Presse gebührend zu unterstreichen, wirkt um so grotesker, loenn man an anderer Stelle sieht, wie diese Presse sich gebärdet. Ter Ton, den sie anzuschlagen beliebt, um ihr nicht genehmen Gegnern beizukommen. ist ein derartig unglaublicher, daß man nicht nur den Anstand vermißt, der doch die erste Voraussetzung einer bildenden Zeitung sein soll, sondern dast man glaubt, in den Spalten eines Winke!sensationsblattes zu lesen, dem es nur daraus ankommt, Durch plumpe Schimpfereien und essekthasch-ende Sensationen ein paar Groschen zu verdienen. Wenn allerdings Herr Loewy meint, dast die Aufgabe der jüdischen Presie darin bestände, mit derartigen Organen in Konkurrenz zu treten, so ist Hopsen und Malz verloren. Man könnte beinahe zu dieser Annahme kommen, wenn man die Tonart der ,M iener Morgenzeit ung^ liest, deren Chefredakteur er ist. d 6s liegt mir eine Ausgabe vom 29. Oktober vor. die sich in ihrem Leitartikel, der doch sicherlich dem Chefredakteur nicht unbekannt geblieben ist, mit dem Kreis der Feinde der zionistischen Idee befaßt. Die Feinde sind vor allen D i n g e n d i e Orthodoxen, die A g u d a , die bekanntlich die zionistisch-jüdische Arbeit in Palästina mit großer Skepsis verfolgen, weil sie mit Recht in ihr nur eine politische und keine positiv jüdische, d. h. religiöse Arbeit sehen. Man sollte meinen, daß jeder Mensch, gleichviel, wie er sich zur Religion stellt, vor den Gläubigen die größte Achtung bezeigen must. Das ist ein anerkannter Grundsatz aller anständigen Menschen, der sogar in der Politik Hochgebalten wird. Daran aber scheint sich die jüdisc!)- zionistische Presse nicht zu halten. Man eifert nach Herausstreichung des Zionismus gegen die Aguda in kaum beschreiblicher Weife: „Eö hat vor dem Zionismus kein positives Judentum bestanden, und der Zionismus hat das Mandat, Die Universität, die Technik, die Schulen und Spitäler gebracht, und die Vroblemc, die das Judentum bewegen, sind ans der zionistischen Anschauung der Tinge und der Welt erwachsen. Der- Zionismus verteidigt jetzt seine für das Judentum erzielten Errungenschaften vor der Genfer Mandatskommission. Nnd inst diesen Zeitpunkt, wo die in aller Welt auflodcrnde Verhetzung keinen Unterschied zwischen Juden machen will, wo sie unser bißchen Necht angrcrft und verkürzen will, hat sich die Aguda ausgesucht, um ihren Neid abrcagicrcn zn können. Das ist die Bartci der gar so Jronrw.cn, die mit der Vorsehung auf so guten; Fuß steht, das; sie ihr bis noch vor ganz kurzer Zeit alle Arbeit an der Erlösung anheimstellte. Aber seit sich wieder jüdisches Leben ln Ercz Israel regt, ist diese Vartci der Kctzerbratcr auch lebendig geworden. Sic kaust Land und verkauft cö mit gutem Nutzen, sie setzt sich fest. Ihr ganzes Wirken vollzieht sich aus der Basis, die der Zionismus geschaffen hat. Aber gegen den Zionismus verbrüdert sie sich mit Vatikan und Hakenkreuz, mit Halbmond und Sowjetstern."? DIE ALTCEKA 71? AMD bi A k U E f4 <

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.