Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- Seite XI (sequence 3)
- Language
- German
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XI fad) auch gewußt wird, so lebendig er spürt, oder ersehnt Wird, daß sie mit ..jedem Augenblick in die Zukunst hineinstürzt", Bewegung, Weg und damit Verpflichtung wird. Nach all dem ist sie a b w a r t e n d, bereitend, obwohl sie als Jugend stürmisch ist, und hält nichts für verderblicher, als den dcmtscl-en Juden salsche Beruhigung (Gegensah: bewegte Ruhe) zu versck-asfen, dadurd) etwa, das; ihnen allzuviel von der geringen Bedeutung des Unterschiedes der Nassen erzählt wird. Hierdurch und durd) den oft sehr eigennützig wirkenden Hinweis aus Männer, die zwar in ihren Anlagen und Fähigkeiten nicht so bestimmt, aber in ihrem Typ uns Borbild sind (Rathenau), erhalten die deutschen Juden zu sehr das Gefühl des E r r e i ch t h a b e n s, das sie nid)t verdient haben; hinzu kommt mitunter noch die hierfür sehr unheilvolle Wirkung des Geldbesihes. Die hier geschilderte Äussassimg wirkt sich aus in der Stellung der Jugend zum Zionismus. Sie steht außerhalb seiner, aber ihm nicht gegenüber. 6s wird gern geglaubt, daß jemand, der „den Zionismus auf das entschiedenste bekämpft", zur „deutsch-jüdischen Jugend" gehört, tzur deutsch-jüdischen Jugendbewegung ist er nicht zu zählen, wenn er sich auch „lebensresormerische Bestrebungen zu eigen macht". Dies geht schon daraus hervor, daß sich dem Zionismus eine in der Qualität gleich lebendige deutsch-jüdische Bewegung nicht entgegensetzen kann. Er hat in gewaltiger Weise — wenigstens in der Idee, vielfach aber auch in der Wirklichkeit — das Problem des Schnittpunktes der Vertikalen und der Horizontalen, der Vergangenheit und der Gegenwart — in Palästina, aber auch im Galuth — der Lösung näher gebracht. Wenn man ihn auch nur für eine Teillösung hält, so gehört er doch zu den wenigen kl rasten, die Jüdisches bewegt madjcn und den ganzen Menschen erfassen, woraus eigentlich schon zu sd)licßeu wäre, daß die Wegbereiter einer kernhasten deutschen Judenheit hart am Zionismus vorbeigeaangen sein müssen. — Zum Kamps gegen ihn besteht, wenn er nicht gerade in üblen Auswüchsen erscheint, kein Anlaß, zumal auch schwerlich zu behaupten ist, daß er Austoßerreger oder besonderer Förderer des Antisemitismus ist. Dies bürste auch höchstens für diejenigen, denen Judesein Schate ist, zu einer Bekämpfung des Zionismus ausreichend erscheinen. Eine ausführliche Stellungnahme zum Zionismus ist niedergelegt in dem in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland, Breslau" erschienenen Antwortbries des Deutsch - jüdischen Wauderbundcs Kameraden und des Aelterenbundes der Kameraden (Verfasser dieses gehört den genannten Bünden an) ans einen offenen Brief des Blau- Weiß. Fernerhin ist darüber in den „Oberhowr Protokollen" der A-ebterenbundtagung ge'schrieb er;, schließlich har die Frage einen Teil der Besprechung der Ende Oktober in Berlin stattgefunbenen Herbstragnng des Aclterenbundes gebildet. — Die schärfste Wässe gegen den Zionismus ist nichts anderes, als bewegtes Judentum und lebendige Jndenheit zu schaffen, ganz besonders nach dem 14. Ziouisienkongreß. dessen Ausgang trotz der Bestätigung der Ansicht, nicht alles aus Palästina setzen zu dürfen, keineswegs zum Triumphgesühl, tvcniger noch zum Mitleid, sondern vielmehr zur Empsindung des Leides und der Hilfe zu führen hat. — Zusammensasieud ist zu sagen, daß die Jugend bzw. die durch sie verkörperte Zeitströnnmg sich betvußt ist, daß wir noch lange aus einem Seile zu leben verpflichtet sind, daß wir noch Revolution, die vielleicht schon 1<>0 Jahre dauert, haben, die aber zu schnell von den „Alten", zürn Schaden der Klarheit und der Tiefe der uns beherrschendere Elenrente, zu einem Ende geführt zu werden droht. Sie ist sich allerdings betvußt, daß auch unb gerade Revolution (in Gustav Landauers Sinn) die Zeit des Airsbaues ist. Ul Zwanglos aber ergibt sich aus diesen Zeilen, u>:c mau sich zu dein Problem „Jugend als Objekt" der Politik zu stellen hat. Ties sich! in engem Zusaunuenhaug mit der Frage der Erziehung überhaupt, und insbesondere damit, was Erziehung z.:m Typus bedeutet, und daß sie die eigentliche Erziehung ist. Wohl verstanden — damit wird in keiner Weise das Eirrgeheu ans die persönlichen Eigenheiten des zu Erziehenden verneint. Arber cs wird dasjenige, was im Typus, Zeit und Geschichte Verkörperndes ist, al* das der Erziehung überhaupt Zugängliche dargestellt. — Wo die Vermittlung von Gedanken zur Erreichung äußerer Zwecke m'd)t wie bei der rechten Erziehung Tuttel und Handweriszeug bei der Stellung einer „Bewegung" zur Jugend ist, sondern Endzweck, vielleicht nach der Natur dieser „Bevoegung" nichts anderem sein kann, da spürt die Jugend, da sie den Herzschlag der „Bewegung", die Lebendigkeit der Elemente nicht fühlt, daß sie sich nicht erziehen lassen darf von der Bewegung, daß sie deshalb i;icht die Jugend der Bewegung der „Aelteren" ist. Ob eine durch einen einheitlichen Typus getragene Gesamtheit von Tauschen eine Bewegung mit dem aus ihren Elementen schlagenden Herzschlag ist. ist in der Zeit sehr schwer, vielleid)t gar nicht objektiv festzustcllen. Gespürt werden aber kann, ob es etwas n i d) t i st. S o kan n s ichdied c n t f d) * j ü d i s ch c I u g e n d b ew e g u n g n i ch t a ls E. B. - I u g e n d b e z e i ch n e n. <£♦ V.-Iugrmd und deutsch-jüdische Jugend. Ein Nachwort von Friedrich Brodnitz. Martin Guttmann versucht in dem vorstehenden Artikel die Stellungnahme der deutsch-jüdischen Jugendbewegung zu den politischen Problemen des deutschen Judentums klarzulegen. Seine Ausführungei; können nicht unwidersprochen bleiben, weil sie nur die Auffassungen eines bestimmten Kreises (der in der Vorbemerkung näher bezeichnet wird) wiedergeben. Darum soll hier in aller Kürze dargestellt werden, wie man, von denselben Voraussetzungen ausgehend, zu einer wesentlich anderen Stellungnahme kommen kann. Unter den Voraussetzungen verstehe id) den Grundedanken jeder Jugendbewegung: Lebendigkeit, e w egt heit und Verantwortungsgefühl gegenüber L e v e n s a n s ch a u u n g und L e b e n s g e st a l t u n g. Diese Einstellung bedarf, um schöpferisch zu werden, eines fest umrissenen Zieles: G e g e u s e i t i g k e i t s - und S e l b st e r z i e h u n g zu vollwertigen, in sich ausgeglichenen Menschen. Vom nebelhaften Weltbürgertum durch das kulturelle Chaos 'unserer Zeit geheilt, wissen wir, daß nur der Menschentyp eine Zukunft hat, der — wie die Pflanze im heimatlichen Boden — in einer Kultur wurzelt, die ihn trägt und ihm den bergenden Schutz der G e m e i n s a m k e i t gibt. So zur Stellungnahme zur kulturellen Zugehörigkeit von vornherein verpflichtet, steht sich die deutsch-jüdische Jugend vor die Entscheidung gestellt: Zionismus oder Bekenntnis zum D e u t s ch t u in. Und da muß, nach meiner Meinung, die Antwort ein wenig anders lauten, als sie Guttmann gibt. Tie Knappheit des Raumes verbietet für dieses Rial eine eingehende Stellungnahme, aber in kurzer Skizzieruug muß doch dies gesagt werden: Wir sehen die ungeheure Gefahr des Zionismus in der kulturellen Entwurzelung, in die er die junge Generation Hineinbringt. Obwohl nach den Ergebnissen der letzten Zeit, kein Zweifel daran besteht, daß Palästina nur einen verschwindend kleinen Teil der zionistischen Juden wird ansnehmen können, soll die Heranwachsende Jugend in einem, k ü n st l i ch e n F r e m d h e i t s g e s ü h l gegenüber ihrer deutschen Umwelt erzogen werden. Wenn Guttmann denen, die den Zionismus e n e r g i s d) bekämpfen wollen. Die Berechtigung aberkennt, „sich zur deutsch-jüdischen Jngendbeivegung zu zählen", so können wir ihn nur fragen: sollen ivir wirtlich untätig Zusehen, wie wertvollste Kraft jüdischer Jugend einem Ideal geopfert wird, das den Meuschau aus dem heimatlichen Mutterboden der deutschen Kultur reißt, ohne ihm einen neuen bieten zu können. Wer die kulturelle Benvurzelung als die Grundbedingung zur Entwicklung wahren Menschentums erkannt hat, der muß sich zur Wehr setzen. Und ivcnn wir wirklich dem Zionismus keine „in der Qualität gleich lebendige deutsch-jüdische Bewegung entgegensetzen bönnen", nun, gibt es eine herrlichere Ausgabe für uns Junge, als sie zu schassen! Auch wir glauben, daß „bewegtes Judentum" uns not tut. Aber das ist nicht das Judentum der Abstammung und der Rasse — tausendmal in ihrer 11 n Haltbarkeit widerlegte Begriffe —, sondern das Judentum des Geistes, der Religion, der Gemeinsamkeit des Fuhlens und Denkens. So finden wir auf viel zwanglosere Weise den „Schuittpuul: von Vergangenheit und Gegenwart". Judentum war von jeher seinem innersten Wesen nach „bewegt", Lehre und Leben eine Ausgabe, nur der Haufe der Indifferenten war und ist „ruhig". Ebenso not aber tut uns lebendiges, bewegtes Deutschst um. Daß wir es nicht ohne Verteidigung besitzen können, ist eine der großen Röte un'cres Vaterlandes, und daß die Bewegung der deutschen Inden, der E^V., in A b w e h r st el l u n g stets bereit sein muß, ist nicht seinem ch u l d, aber seine P flick)t. Darüber hinaus wird er von Jahr zu Jahr mehr das Sammelbecken aller ausbauenden deubsih-jüdi sichen Arbeit. Und da wollen wir Jungenleine künstlichen Trennungen schassen. Hier besteht für mein Gefühl in den Gutt-mannschen Ausführungen ein Widersprach, wenn er in der Einleitung die Forderung ausstellt, daß die Jugend das Wort der Aelteren bestimmend beeinst li f sen müßre/und dann am Schluß sich dagegen verwahrt,, sich als Jngendbeivegung der Aelteren zu fühlen. Wäre der Eentra'tverein seinem Wesen nach noch nicht lebendige Bewegung, so müßten wir Jungen ihn dazu machen. Nur wenn wir" in der Bewegung der Aelteren gegen Vereinsmeierei und Glei.tzgüAigkeit um die Durchsetzung unserer Gedanken r i n g e n werden nur erkennen, was von unseren Idealen kräftig und lebensfähig ist. Sch im Kreise Gleich, gesinnter abzuvt.ließen, ist immer leicht und bequem. Tie schöpferisll.e Kraft der Jvaer.olwwegnng kann sich nur durch eine entscheidende Be.'insiussung" unseres'kulturellen Lebens erweisen. Vielleicht werden nur dann zu unserer Freude sehen, das; die Besten unter den Aelteren und den Jüngeren nebeneinander in einer Front kämpfen: gegen Haß und Kulturbarbarei und für wahrhaft bcwegKs deutsches Judentum. Daß sich die deutsch-jüdische Jugend nicht C. V.-Jugend nennt, ist in der Verschiedenheit des Weges begründet und im übrigen ziemlich gleichgültig. Das; sie sich als E. V.-Jugend im Sinne dieser Aussützrungen fühlt, ist eine Notwendigkeit.