Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 3 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- Seite X (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9221535-9548911-9548915--014-3537559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
X Wenn ihr eine Lehrstelle sucht, geht nicht in die Fabriken! Die Ausbildung dort ist in den aflcrnietftcn Fullen einseitig auf Maschinenarbeit eingestellt und darum ungenügend. Sucht euch einen tüchtigen M e i st e r, bei dem ihr von Grund aus alles lernt, und setzt euer» Stolz darein, Handwerker und nicht Maschinenarbeiter zu werden! Damit will ich nicht etwa den Maschinen die Eristeuzberechtigung abjprechcn, das hieße einen Kamps geaen Windmüßlenslügel führen; aber nur der kann gut an und mit emer aschine arbeiten, der die gleiche Arbeit auch mit der Hand gut und sauber ausznsührcn gelernt hat. Dann erst wirst du über die Maschine herrschen können, statt ihn Sklave zu. sein. Wenn euch trotzdem vieles zur Fabriklehre zieht: die kurze Arbeitszeit, der Lohn u. a., so hört noch eins. Ich l)nbe fast drei Jahre lang statt acht Stunden täglich dreizehn bis vierzehn Stunden schwer arbeiten müssen und auch Sonntugs erst vom Mittag an sreie Zeit gehabt, und mit Ausnahme der letzten acht Monate hatte ich säst gar keine Zeit zu geistig anregendem Verkehr, und meistens fehlte nur abends die Muße zum Lesen oder Schreiben, weil ich übermüdet war. Da habe ich in der ersten Zeit — ich bekenne es frei — oft daran gedacht, wieder abzubrechen. Aber daß -ich durchhielt, trug mir bald gute Früchtei Ich konnte, obwohl ich nicht etwa außergewöhnlich tüchtig war, nach zwei Jahren schon viel mehr als die Fabrikgesellen, die bei meinem Meister um Arbeit nachsuchten, und daß ich im letzten Jahre schon Junggesellenlohn bekam, war mir nicht so viel wert als die Tatsache, daß ich — der Lehrling — Verantwortung für zwei Junggesellen und die Arbeit von. drei Stiften zu tragen hatte. Damit "will ich nur sagen, daß es von euch grundfalsch wäre, euch die Lehrzeit irgendwie evleichteru zu wollen. Je mehr ihr lernt, solange ihr Lehrlinge seid, desto schneller werdet ihr selbständig arbeiten lernen, und desto weniger werdet ihr als Gesellen Schwierigkeiten und Tadeln auSgesetzt sein. DeuLsch.-jüöischs Ingens oöse §.v.-Iu§snK? Von Martin Guttmainr (Breslau). Sotbtmcrluug: Dem Leitartikel der letzten Nummer „Pro- Lrsmm und VerauLwortung" kann in einigen Punkten nicht zugestünmt werden. Dies gilt insbesondere von der Frage, warum sich die deutsch-jüdische Jugendbewegung nicht C. D.-Jugend nennt. Es soll im folgenden versucht werden, dies aus der Jugendbewegung heraus zu begründen. Die in den folgenden Zeilen zum Ausdruck gebrachten Eedanien sind in dem Kreise des Aelteren- Hundes der Kameraden und des Dandcrbundes der Kameraden verankert. Es braucht nicht besonders daraus hingewiesen zu werden, daß gerade über die Stellung zum Zionismus verschiedene Meinungen vorhanden sind, wenn man siä) auch über die Ablehnung desparteizionistischen Standpunktes einig ist. Der Verfasser. I. Das Problem „Politik und Jugend" sollte an sich nicht in der Jugendbeilage einer Zeitung, gleich welcher Richtung sie sei, behandelt werden. Jugend ist nicht nur eines der wichtigsten Objekte der Politik geworden, ihr Rhythmus sollte auch die Politik beherrschen. Diese Zeiten beanspruchen daher nicht als Aeußerungen von Menschen aus einer anderen Alters läge gelesen zu werden, als typisch jugendliche Meinung, so, daß sich zwanglänsig mit zunehmendem Alter das Verhältnis $u dem Problem andern müsse. Sie verzichten daraus, als lediglich vielleicht interessante Aeußerungen junger Menschen angesehen und gelesen zn werden. Weil Forderungen und Rhythmus der tätigen Jugend die Politik der nächsten Zeit tragen müssen, müssen sie praktisch und erziehend schon um der Lebendigkeit des Werkes der Aelteren willen wirken, diese die künftige Richtung erkennen lassen und verhüten, daß der Schwerpunkt von ihnen aus diejenigen gelegt wird, die das Werk der Aelteren übernehmen, ohne das von diesen vielleicht noch Erkämpfte selbst 31t erkämpfen oder Eigenes, Errungenes hinzngeben. Und wie die heutige Jugendbewegung in ihrer Führerschicht nicht mehr aus Menschen besteht, die dein Leben fern stehen, einen Unterschied machen zwischen Jugendkultur und Kultur der Aelteren, wie sie vielmehr den Gedanken Kultur in seiner Einheit und Tiefe erfühlen und verantwortlich zu tragen sich bemühen, so ist das, was die Jugend gibt, auch nicht das t y p i s ch I u g e n d l i ch e, sondern das t y p i s ch N e u e, mag es — geschichtlich betrachtet — auch ewig alt sein. Ter relativ stabil gewordenen Haltung einer Zeit, die sich in der Stellung zu allen Erscheinungen des sozialen und individuellen Lebens kundgibt, setzt sich ein anderer Rhythmus, der sich ebenfalls in aller Auffassung der Geschichte, Religion, Kunst usw. auswirkt, entgegen, wobei für beides ein Werturteil nicht abgegeben werden soll. Hieraus geht hervor, daß es sich auch bei der Politik nicht um eine Auseinandersetzung von Alter und Jugend, sondern um den Gegensatz zweier Zeitströmungen handelt, die miteinander kämpfen, dies bewiesen auch dadurch, daß sich beim „Atter" Jugend und bei Und nun zum Schluß die Hauptsache: Als ich meine Lehre antrat, dachte ich, ich wäre ..was Besseres", weil ich eine hohe Schule besucht hatte und aus der G r 0 T? ft a d t aufs Dors kam; aber gerade das wurde mir das allergrößte Hemmnis, und ich mußte bald merken, daß ich weniger war als die anderen Lehrgängen, die zw a r H0 r a z und H0 me r nicht einmal de tn 9c a in c n n a ch kannten, dafür aber ein ungleich größeres Maß an praktischen Kenntnissen u n d Fähigkeiten besaßen. Daß ich Jude war. hat bei mehreren Meistern von vornherein Bedenken geweckt, weil sie noch keinen jüdischen Handwerker gesehen hatten. Es haben mir aber bisher alle bestätigen müssen, daß ein Jude ein m i n d e st e n s ebenso tüchtiger Geselle werden kann wie ein 9t i ch t - jude. Daß ich meine Religion stets offen und stolz bekannte, war mir überall von Vorteil und ein guter Schutz gegen alle Anfeindungen. Daß gerade die in Handwerkskreisen noch seltenen Juden sich — chn Interesse ihrer Religion -- einer vorbildlichen Lebensführung befleißigen müssen, möchte ich euch ganz besonders ans Herz legen. — sticht jeder von euch wird eine solch schloere Lehrzeit wie ich durchmachen müssen. Ilnd doch — blicke ich heute zurück — es freut mich, daß sie so war. Die Schwere den Arbeit hat mich nicht nur körperlich gefestigt, und die Einsamkeit nach dem Brausen der Großstadt ließ mich zur Einkehr und Klarheit kommen. So kann auch euch die Lehrzeit zugleich eine Zeit intensiver äußerer und innerer Entwicklung werden. Vielleicht dient doch'das wenige, das ich euch hier sagen kann, dazu, den einen oder anderen ans einen von uns leider noch viel zu wenig beschrittenen Weg zu weisen. Glück und heitere Zufriedenheit kann sich auch ein Jude im Handwerk erwerben und wird dann gewiß dem alten Worte recht geben, das da sagt: „Handwerk hat goldenen Bode n". der „Jugend" Alter befindet. Das Jugendproblem gewinnt damit eineu anderen Rahmen, als ihm gemeinhin gegeben wird. Dies voran ... II. Das Problem .Lugend und Politik" zerfällt zwanglos in die beiden Teile: Jugend als Objekt und Jugend als Subjekt der Politik. Wenn auch für diese Zeitung zunächst einmal die Behandlung des Themas „Eentralvereins-Politik und Jugend" von Wichtigkeit erscheint, so ist Voraussetzung dafür jedenfalls die aügciueinc Frage ,Lugc u d und Politik". Jugend als Objekt der Politik hat praktischen, Jugend als Subjekt der Politik weit mehr nur theoretischen Charakter. Praktischen Wert hat sie als Subjekt insofern, als sie eine, wenn auch vorerst nicht herrschende Zeitströmung verkörpert. Deshalb erscheint es wichtig, zu erfahren, was die Jugend zu einigen, auch von der älteren Generation behandelten Zeitproblemen denkt. Tie deutsch-jüdischen jungen Menschen n i ch t z i 0 n i st i s ch e r Anschauung haben es bei einem ihrer Ziele in der Jugendbewegung, bei der Erziehung zum sicheren Menschen, schwerer gehabt als ihre zionistischen Brüder. Sie wuchsen nicht in einer Idee mit sicherer und einheitlicher geistiger Grundlage, mag diese richtig sein oder nicht. Sie hatten nicht eine Generation vor sich, in deren gestaltete Richtung sie eintreten konnten, wenn vielleicht auch einzelne, wenige Menschen hervorragten. Aber gerade daraus, daß nur einige, sehr wenige ihnen Vorbild und Wegweiser sind, anders als beim Zionismus, der von einer Gesamtheit getragen wird, erkennen sie, daß cs bisher eine deutsch-jüdische V e w e g u n 0 nicht gibt, Bewegung so, daß sie dem einzelnen Menschen ihren Sinn und Herzschlag übermittelt und ihn bildet. Sie suhlen nicht nur als Jugend, sondern auch als Zeitströmung, daß man mit der Synthese zu schnell fertig geworden ist, fertig sich jedensalls gefühlt hat. und daß man sich — als zwanglose Konsequenz davon — allzuschnell in eine Verteidigerstellung zurückgezogen hat. Tie E. V.-Tendenz rmd seine Politik stellt sich für die Jugend noch als These der ersten Emanzipationszeit dar, während sie als Bewegung Synthese nach der durch den Zionismus gesetzten Antithese sein müßte. Tie Jugend glaubt, daß bewegte Ruhe erst dann eintreten darf, lucnn dasjenige, was die Bewegung (deutsch-jüdisch) bilden soll, in seinen Elementen bewegt ist. Dies vermißt sie, nicht bei den Alten, aber bei der ihr entgegengesetzten Zeit" strölnnng. Nach Religion sich sehnend, schon längst davon entfernt, den Begriff der jüdischen Konfession zu kennen, sich bewußt auch, daß Religion nicht nur in ihrer Idee, sondern auch und vornehmlich in ihrer Gestalt das ganze Leben durchdringen muß, stellt sie mit Genugtuung fest, daß man die Abstammung — wenn auch noch nicht seit langer Zeit — wieder als schöpserisches Element erfühlt. Ihr fehlt allerdings die Ileberzeugung, daß die Geschichte, wenn sie viet-