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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1925-12-11 · 3 (11.12.1925) · p. Seite IX

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
1 (1925)
Issue
3 (11.12.1925)
Date
1925-12-11
Page
Seite IX (sequence 1)
Language
German
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Nr.Z öerlin, 11. Dezember 1925 Jahrgang 1 . jK tr fr V> .■ s>tAh l(Wt\xffi® vj W Von Henny Lin (Deffow l. KM) und Hans Wald stein (Essen). Der Weg zur Scholle. Don Henny Lin (Defsow i. Mark). Der Weg zur Scholle ist für die jüdische Jugend jetzt bedeutungsvoller denn je. Tas jüngste unglückselige Jahrzehnt der Kriegs- und Nachkriegszeit hat, wie in der jungen Generation Deutschlands überhaupt, auch in unserer Jugend tiefe seelische Erschütterungen hervorgcrusen. Mancher Glaube au den Fortschritt der Menschheit, an die Dortrefftichkeit der modernen Kultur ist ins Wanken geraten. Hat doch diese vielgepriesene Kultur es nicht verhindert, das; namenloses Elend über Millionen Nteuscheu, über ganze Völker hereingebrochen ist; das; das Gift des Hasses, die Schmach des Antisemitismus wie eine unheimliche Epidemie um sich greift. In dieser düsteren Epoche, da wir uns in die finsteren Zeiten des Mittelalters zurückgeschleudert wahnen, ringt unsere idealdürsteude Jugend um ihre innere Aufrichtung, um neue Wege des Seins, um Erneuerung von Form und Inhalt des Lebens und Schaffens. Und da winkt und ruft d.'e Mutter Natur, die gütige Trösterin, die unversiegbare Urquelle neuverjüngeuder Kräfte. Gewiß bedeutet cs für den Großstadtmeuschen keinen leichten Entschluß, den Weg zur Scholle zu beschneiten. Gar manche liebgewonneuen Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten müssen dabei cnifgegeben werden. Aus dem Lande gibt es keine Theater, keine Konzerte, keine Eafös, keine Ausstellungen und dergleichen. Dafür aber gibt es hier auch keinen rasenden Automobuverkehr mit seinen täglichen Unfällen, keine nerveuzerrüttende Unruhe, kein aufreibendes Hasten und Jagen. Und man hat doch immer die Möglichkeit, eine benachbarte größere Stadt zn besuchen, um dort die Darbietungen von Kunst und Kultur, Musik liub Wissenschaft mit frischen Sinnen und wacher Empfänglichkeit zu genießen. Und wie herrlich sind doch die Konzerte des Bogelgesangs, der uns in der Natur allmorgendlich begrüßt! Wie wundervoll das Farbenspiel der Blumen und Pflanzen, wie es von keiner Dheaterdekoratiou erreicht werden kann! Und diese Naturschönheiten umgeben uns ans dem Laude in unerschöpflicher Fülle. Tie verborgensten Stinunen der menschlichen Seele, die Stimmung unseres innersten Ich erklingen im Schoße der Natur, die uns über die Flüchtigkeiten des Alltags hiuaushebt und uns den Atem der Unvergänglichkeit spüre:; läßt.' Und das Judentum wurzelt doch in dev Uuvergauglichkeit, atmet die Weihe der Gottnähe. . . . Sind aber die Landbewohner vom weihenden Genius erfüllt? Wir koinmcn damit zn der sehr ernsten und altuellen Frage: Wie st e h t es mit de m Antisemitis m u s aus de m L n nde? Vielfach ist von jüdischer Seite die Meinung geäußert loordeu, Inden könnten sich nicht gut als Landwirte oder'Obst- und Gemüsezüchter ansiedeln, weil sie unter den: antisemitisiheu Verhalten der ländlichen Bevölkerung zu leiden haben würden. Schreiberin dieses hat wahrend sihres vieljährigeu Landaufenthaltes dieser Frage besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Tie Bewirtschaftung il)res als Nentengut fungierenden Gartenbaubetriebes brachte sie wiederholt in Berührung mit behördlichen Instanzen des Kuliusamts, der Preußischen Ansiedlnngsko'mnüssion und der Landwirtschastskammer. Und obgleich sie stets ihr Judentum stolz bekannte, fanden ihre Leistungen gebührende Anerkennung. Natürlich habe ich auch andauernd mit den verschiedenen Kreisei: der ausnahmslos christlichen Hingebung zn tun: mit Landwirten, Ansiedlern, Handwerkern, Arbeitern und häufig auch n:it Großgrundbesitzern — und ich kann aus Grund langjähriger Erfahrung konstatieren, daß ein Jude wohl in: st an de ist, durch produktives S ch a s f e n und s ch l i ch t c Lebe n s - f o r m e n Achtung bei d c x Landbevvlker u u g zu ge - Winne n. Die Landleute kennen im allgerneinen keine Inden. Woher sollten sw es auch? In ihrer SDcittc leben zumeist keine Juden. Und die Händler, die aus den Städten aufs Land kommen, um hier Boden- und Geslügelerzeugnisse aufzulausen, sind ebenfalls fast durch:vcg Nichtjuden. Irgendeine bestimmte Vorstellung von: Wesen der Juden hat daher die Landbevölkerung aus eigener Erfahrung nicht. Ter Begriff „Jude" ist für sie daher gewissermaßen eine Art mitleb akterlichen Gespenstes. Es mag daher nicht sonderlich wundernehmen, daß sie der wüsten Agitation politischer Hetzer aus den Reihen des Neichslandbundes und der reaktionär-antisemitischen Parteien zugänglich ist. Was muß nun nach dieser Richtung hin von unserer Seite geschehen? Mehr Aufklärungsarbeit! Aber nicht bloß theoretisch, durch Neben, Flugschriften usw. — sondern vor allem auch durch lebendiges Beispiel. Juden sollten sich in erhöhtem Maße den landwirtstchasAicheu und gärtnerischen Bernsen zuwcudcn, aus dem Lande uiederlasseu. Tie Landbevölkerung, dieser kernigste und gesundeste Teil des deutschen Dolles, der im Grunde seines Wesens bieder und brav ist, sollte häufiger Gelegenheit bekommen, mit Juden in persönliche Fühlung zu treten, sich ei:: eigenes Urteil über sie zu bilden, ^ie wird sich sodann davon überzeugen, in welches Lügennetz die antisemitischen Hetzer sie einzusangen suchen. Ter Weg zur Scholle ist in zwiefacher Hinsicht ein Weg i m Tieu ft e des Indent u m s: er führt der jüdischen Gemeinschaft sriichc Kräfte zu, Kräfte der Bodenständigkeit und der körperlichen und seelischen Festigung — und er vor schasst unserer Gemeinschaft Achtung irud Wertschätzung in den Schichreu, in denen sie bislang am wenigsten gekannt wird. von ö§r Kopfarbeit Zum Hanörserk. Von Hans WaLdftcirr (Essen). Wenn ich euch hier etwas aus meinen Erfahrungen als Jude i m Handwerk schreibe, so tue ich das in der Absicht, besonders euch jüngeren jüdische:: Tentsthen einen Weg zu weisen, der Zwar anfänglich schwer zu besthrcilcu ist, aber in seinem Verlaufe viel Freude und Befriedigung gewährt. Es mehren sich ja in letzter Zeit die Fälle, daß junge Juden einen praktischen Beruf 7rgreiseu, und ich möchte ausdrücklich betonen, daß einem geistig Regsamen a::ch — oder vielmehr gerade — im Handwerk die w e'iteste:: E n t w i ck l u u g s m ö g l i ch k e i t e n ~ geböte n sind. Wenn wir in der I n g c n d b e w egun g häufig von der notwendigen Stärkung des Handwerkerstandes geredet haben, so ist es nn euch, die Worte auch in die Tat umzusetzen und dem Ideal die Wirklichkeit folgen zn lassen. Zu w e l ch e m H a udwerk ihr euch nun wenden wollt, muß jeden: einzelnen überlassen bleiben. Tie Auswahl ist groß, so daß ein jeder, der ernstlich sucht, auch sicher einen passenden Platz findet. Tie Nachfrage und) Facharbeitern und gelernten Handwerkern ist in der I n d u st r i e wie in: Kleinbetrieb in allen Fächern rege. Daß ihr einen Beruf, der Zulunftsaussichteu hat, einem aussterbenden Gewerbe vorzielst, ist selbstverständlich, und gerade uns Juden wird die Erkenntnis dessen, was aussichtsreich ist, sicher nicht schwer fallen. Ten sogenannten Besä h i - g u n gs p r ü f u n g c n traue ich nicht allzusehr; ich glaube vielmehr,' das; ein rechter Kerl sich in jedem Berufe durchsetzen kann und überall seinen Mann stellt. Selbstverständlich ist nur, daß ihr bestehende Neigungen und Fähigteiten nach Möglichkeit ausuntzt: auch das rein Körperliche soll nicht vergessen werden: Ein Schroächlicher kann keinen Schiverarbeit er beruf ausfüllen, und auderststls weis; ich aus eigenster Erfahrung, das; ein kräftiger Kerl statt des Federhalters lieber das Beil führt. Uebcrlegt' also reiflich, che ihr euch entscheidet. Habt ihr euch entschieden, so sucht euch rechtzeitig eine gute Lehrstelle. Tie Wege dazu sind mannigfaltig, z. B. die Einpsehluug guter lUiciftcr durch Bekannte, eine' Anzeige im Fach (statt oder Vermittlung durch die betreffenden Innungen oder Zünfte. Hinweisen möchte ich hierbei auch aus die hüdi s ch e n H a :: dwerker - o r g a n i s a t i o n e n. Bor einem nur will ich euch warnen: MdeUZichakt: SÄSrÄ a x b ei i zu in Hand w e r k. — Martin 0>uUmauu: Deut f ch « j ü d i s che I u ae nd od e r E. D. - Iugond? — Friedrich Brodnii;: C. B.-Jugcnd und deutsch-jüdische Jugend. — Benno Gottschalk: E h a n u k k a — e r n Fanal! — Leo Munk und Sofser A g u d a s - I i s r o e l - I u g e n d o r g a n i [ a 11 o nA

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