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Central-Verein-Zeitung · 1925-12-04 · 49 (4.12.1925) · p. Seite 770

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
49 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
Seite 770 (sequence 11)
Language
German
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770 Das Iuöentum als AküLurfaklor« Eine LrbersülLLe Versanrrnlrmg in Leipzig. In einer von annähernd 1000 Personen besuchten öfseniiichen Versa m m t u n g de r L e i pz i<; e r O r t sg r u ppedes E e n t r a l v e re in5 beutjdjer01aatsl ürger jüdisckxn Glaubens Ijiclt Prosessor Erik 'Jt ö 11 i n g (Frankfaxt) einen ausgezeichnet durck-dachten Bortrag über das Judentum als K u l t u r j a f to r. Tie Antwort auf die Frage: in A>elck)er Weise die Juden innerhalb einer Natron wirkten, richte sich nach der jeweiligen Lebenöstünmung eurer Zcitepvche. Zu Zeiten des Kulturfortichrittes fielen Fremdenscheu und Freindenhaß von selbst ob. Dagegen erzeuge im Knlturuiedergang wurzelnder Lebensüberdruß Antisemitismus als Trotzbnvegung, um sich mißtrauisch gegen alles abzugrenzen. was man als Zerlegung fürchte. Ter Redner zeigte die kulturelle Problematik der völkischen Bewegung auf, die einerseits die Passivität der Inden angreise, anderseits ihm zu starke Aktivität vorwerse. Wenn auch jeder etwa? denkende Antisemit die ositiv schöpferischen Leistungen einzelner Juden anerkenne, s o Ü m e e § d o ch n i ch t s o s e h r a u f d i e E i n z e l l e r st n n g a l s a u s d i e g e i st i g e Grundhaltung der I u d e n h c i t an. Im Gegensatz zu den bekannten antifemi11fcf;eit Änschaumigen wies Prosesior N ö l t i n g aus die ungeheure Leistung des Judentums hin, der Welt eine religiös ethische Grundlage durch die Bibel gegeben habe. Denn wie man sich auch zu den einzelnen Teilen der Bibel stellen möge, sie bedeute nun einmal kulturell unser Urerlebnis, ha.de uns das G^ineinick^stsvewinsirsein gegeben, das in Lebenssturui und Lebensnüchternheit stand hält. Es habe die Gefahr Vorgelegen, daß dieses ungeheure Buch unsere junge Kultur erdrücke, bis es sich in den deutschen Geist eingesügt hätte. T-aher ist die Angst vor der Bibel durchaus begreiflich, aber wer fest in seinem eigenen Besitztum verankert sei. werde tief empß'mguissieudig für den Einfluß fremder Kultur. Nur der Schwache habe Angst, daß er in erborgtem Lichte Irin'. Im Lause seines Bor trage? zeigte der Redner, wie notwendig gerade T-eutschlan-d die ergänzenden Kräne des Judentums brauche. Neben den großen Gestalten führender jüdischer Geister wies er aus die Fähigkeit der Juden, deutschen Genies die Wege ]\\ bereiten. In unserer Zeit droh? du? Verbindung zwischen vesitiv Schesisendeuu und Ausnehmendenr abzureißen und hier trete der Jude als wichtiger, unentbehrlicher Vermittler in den Vordergrund. Von jeder habe'die Beherrschung der hebräischen Sprache die Juden dazu befähigt, die Verbindung zwischen den Völkern ausrechtzuerhalteu, ebenso wie jeder Grenzländer den: Ein'prachler an Betriebsamkeit überlegen sei. Alte Falschbuchungen auf jüdisches Konto, ja die ganze ^Falschmünzerei des Antisemitismus bedeute eine Abdankungsurkunde gegenüber dem einen Prozent Juden. Der dumpfe Haß des ungelenker'. Bauern gegenüber dem gewandteren Städter drücke sich im Antisemitismus aus. Es gelte dagegen, die verfilzte und v e r s ch i mm e l t e Ungerechtigkeit des Judenhasses zu v e r n ei n e n. m i t d e n I u d e n S ch u! t e r a n S ch n I t e r zu arbeiten, ihnen in jeder Nichrung Gleichberechtigung z n schassen und so d e m Interesse der Gesamtheit zu dienen. Während der Vortrag von den vielen anwesenden Völkischen rnhig angehört wurde, kam es zu v o r ü b e r g e h e n d e n S t ö r n n g e n, als ein ehemaliger völkischer Führer sich gegen keine Genossen wandte und scharf gegen ihre Un Wahrhaftigkeit und U n e ch t h e i L Stellung nah in. (Eins der vielen Merkmale für die dort wachsenden Zersetzung?- erschcinungen.) Wesentlich wmren die Ausführungen eines holländischen Geistlichen, der aus die grundlegende Bedeutung des Judentums sür das Gbristentum hunvics und für beide Religionen engere Berandung wünsch-e. - Für alle Versammlungsteilnehmer, die im Antisemitismus und seinen Auswirkungen eine wichtige Schicksalsfrage unseres Volles sehen, war der Abend von großem Wert. Es sollte Pflicht jedes bewußt denkenden Menschen sein, den Antisemitismus zu bekämpfen, weil er die niedrigsten Instinkte im Volke entwickelt. Tie Angst vor den Inden ist ein Armutszeugnis sondergleichen und sollte'' durch eigene Leistungen und Tüchtigkeit überwunden werden. Lcirktr v. Koerber (Leipzig). 15 Jahre „K. E.-Blätter". Tie „K. C.-Blälter", die Zeitschrift der im Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens vereinigten Korporationen, können mit dem lebten Heft dieses Jahres aus ein lüjähriges Bestehen zurückbliclen. Aus diesem Anlaß haben die früheren Redakteure der „K. C.-Blätter" Aussätze in der vorliegenden Nummer dervssentlicht. Sv Tr. Ernst Hochschild (Frankfurt a. M.) über: „Ferdinand Lassallc, der erste deutsche Nationalsv'sialist": Nechtsanwalt Tr. Kar! Löwen stein (Aachen) über: „Jüdischer Nationalismus und Judenhaß": Rechtsanwalt Kurt Alexander (Krefeld): „lieber die Bedeutung einer jüdisch-akademischen Zeitung"; Tr. Felix Gvldmann (Leipzig) über: „Kriegs- und Umsturzerinnerungen eines ^K. C.-D!ärter^-Neda!teurs." Zum Schluß nimmt der gegenwärtige Herausgeber, Tr. Hermann Berlak in Berlin, das Wort über: „Ter K. C.-Gedante in der Gegenwart.^ Wir können die inhaltsreichen und richtunggebendere Aussätze jedem unserer Leser empfehlen. Tas Heft kann durch den Philv-Berlog, Berlin SW 68, Lindenstraße 13, zum Preise von 6,50 Mark bezogen werden. 0m kommenöen Jahrs irr Jerusalem. Von Dr. Hugo Theodor (Gleiwitz). Wir gehen mit dem Aufsatz des Herrn Dr. Hugo Theodor (G!etroitz) nicht in allem einig, sind isebesondere der Meinung, daß die Tharaudschen Vllcher hier und da eine schärfere Beurteilung verdienen. Immerhin sind die Literaten Lharaud durchaus einer eingehenden Besprechung wert; die Politiker Tharaud, insbesondere > in ihrer Einstellung gegen das Zudentcun — man denke an dir Beurteilung der ungarischen Zustände — lehnen wir entschieden ab. Die Echristkeitung. „. . . Und er, Rüben, seht an seine Lippen den magisclzcn Becher, den Elia mit den seinigen berührt hat . . . Tiefer letzte, verzauberte Tropfen raubt ihm vollends die Besinnung. Im Traume hört er die Gaste mit jenem Gruß voneinander Abschied nehmen, den seit dem Auszug aus Aeghpten und der Zerstörung des Tempels das zerstreute Volk in dieser Osternacht wiederholt: „Im konunenden Jahre in Jerusalem/ Ter Abschiedsgruß eines Glaubens ohne Vertrauen, Worte von unbesiegbarer Hoffnung und bitterer Ironie, die, wie das Blatt der Weide, auf schlafendes Wasser fallen, dort eine Welle erzittern lassen und sich in Rächt und Schweigen verlieren . . . Und in dem alten Bettler, der hinausgeht, glaubt er den Propheten Elia aus dem Zinuner schreiten zu sehend So endet der Sederabend. den Järüme und Jean Tharaud in ihrem wundervollen Buche „Im Schatten des Kreuzes" beschreiben. Wo ist Jerusalem? Leuchten seine goldenen Häuser von den Gipfeln der Karpathen, und sührt der Weg nach der heiligen Stadt an den Häusern der Zigeuner vorbei? Wie weit ist es von Hunfalu bis in das Gelobte Land? Denn dort, in dein verlorenen ungarischen Judenstädtchen, hat der Verfasser von derl Lippen der Bewohner, der Aermsten der Armen, den Ruf nach Zion vernommen. Kein Wunder, daß ihm dort, in dieser trostlosen Einöde, an dieser Stätte von Rot und Elend? der alte Ruf besonders inbrünstig erklang, nicht wie ein Wort, das inan sagen muß. weil es vorgeschriebe'.! ist, sondern wie eine Zauberformel, die allen Unglücklichen in Israel die Tore der Stadt der Erlösung weit össncck. Wir wundern uns nicht, daß der Versager diesen Ruf in seiner Heimat, in Paris, nicht gehört hat. Das Heinuveh der Pariser Juden nach Zion ist weniger groß als das der Juden von Hunfalu und der von ganz Rußland. Polen und Ungarn. Wer das Wort so leidenschaftlich, so ekstatisch hören will, der muß, wenn er in Paris lebt, sch 'u nach Hunfalu kommen, das von Paris um 100000 Meilen weiter entfernt liegt als Hunfalu von Jeruschalajim . . . Und so kam der Verfasser eines Tages nach Hunfalu. Vielleicht kam er auch zuerst nach Bels, oder nach Schwarze Teme oder nach Smiara oder nach Radomvsl, ich weiß es nicht ganz genau. _ Er kam auch nicht direkt von Paris nach Hunfalu. Als französischer Lektor an der Universität Budapest hatte er dort einen ungarischen Juden. Nathan Birnbaum, kennen gelernt, einen Mann, den er viele Jahre spater in Jerusalem wiedersah, und dieser Jude hatte ihm. dem hochkultivierten Pariser und Christen, als erster das jüdische Leben ausgezeigt, als eine abenteuerlich seltsame Welt. die. malerisch und geheimnisvoll. aus der Stelle seine Einbildungskraft fesselte. Ein anderer Kolumbus, entdeckte er dort eine „neue Welt". und dieser „Entdeckung" verdanken wir die vier Bücher*'), in denen er das jüdische Leben in vielerlei Erscheinungsformen, aber stets in demselben glänzenden, farbenprächtigen Stile, in einer berückend schonen Sprach?, mit scharfer Beobachtungsgabe und einer für einen Christen erstaunlichen Einsühlungskrast zur Tarstelluug bringt. So ziehen sie alle an uns vorüber, die uns so wohlbekannten, vertranten Gestalten, im schmutzigen schwarzen Kaftan mit fiebrigen An gen, die eingefallenen Wangen von langen Ringellöckchen cingerahmt. gebeugt unter der Last ihres Packens und ihres Elends, seltsame Menschen aus anderer Zeit und anderen Zonen. Wie kommen sie in dieses einsarne. traurige galizische Land mit seinem tiefen, grauen Himmel, ein Land, über das Tausende von hohen Kreuzen ihren Schmerz ausbreiten? (..Im Schatten des Kreuzes.") Hai der alte Gott Israels in dieser christlichen Ebene, die einem Kalvarienberge gleicht, inmitten der Fremden, die Abbilder des alten Volles mit ihren eigenen Gebräuchen, Gefühlen und Gedanken bewahren wollen? Oder wollte der Gott des Renen Bundes zur Seite dieser Kreuze die alten Zeugen der Passion erhalten? Arm und mager wie Hiob, aber geschäftig wie die Wasserspinne auf ihrer Pfütze, führen sie hier in ihren ländlichen Ghettos ein unseren Gefühlen o phantastisch fernes Leben, depen kleinste Einzelheit durch das trengste, rituelle Gesetz geregelt ist. Diese ganze seltsame Welt ersteht vor unseren Augen. Wir begleiten Neb Amram Trebitz von Hunfalu nach der Residenz eines Wunderrabbis, der frommen Stadt Bels, wo er bei dein berühmtesten Soscr des ganzen Ostens eine kostbare Thora bestellt. In Bels dürfen wir das Antlitz des großen Zadik schauen, dort feiern unr auch Rosch Haschanah und Jom Kippur. Aus dern Heimwege aber begleitet uns der Sohn des großen Sofer, als rasch erwählter Bräutigam von Reb Amrarus Tochter Gilet. Bei der Hochzeit — rote seltsam ist diese ganze jüdische Eheschließung! — geht es hoch her, ln einem besonders schwierigen Ritualproblem überstrahlt der Geist des jungen Ehemannes weit die Weisesten von Hunfalu. Rüben heißt das Kind aus dieser Ehe. Die Lebcnsgeschichte dieses Kindes, •) ..Un royaume de Dieu” (Gin Königreich Gottes) 1921; „Quand Isrn^l est rol“ (Wenn Israel König ist) 1923; ,,L’an prochatn L J^rusa tm’* (Im kommenden Jahr in Jerusalem) 1924; „L.'otnhre de la crolx“ (Im Sdnstten Bes Kreuzes) 1924. Sämtlich bei Plon-Xourrit, Baris. „Im Schalten des erschien 1922 überßtzt bet Kurt Woljs, AUlnchrn.

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