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Central-Verein-Zeitung · 1925-12-04 · 49 (4.12.1925) · p. Seite 769

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
49 (4.12.1925)
Date
1925-12-04
Page
Seite 769 (sequence 9)
Language
German
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769 Die Not öer Juden in Osteuropa. Neue Untersuchungen. Wieviel Juden leben in NustlarrD? — Der Einstich der Revolution auf die russischen Inden. — Verarmung des Bauerntums. — Arbeitslosigkeit im Handwerk. — In 43 Städten 75 Prozent ohne Verdienst. — Woher kommt Hilfe? Der Weltkrieg hat in der.Verteilung der Juden auf die verschiedenen Länder zu einer radikalen Äenderung geführt. Vor dem Kriege st a n d Rußland nach der Starke der jüdischen Bevölkerung bei weiten: an der Spitze. Nach der allgemeinen Volkszählung von 1597 — der letzten, die vor dem Weltkrieg in Rußland durchgeführt wurde — befanden sich damals innerhalb der Grenzen des Zarenreiches 5 215 805 Juden, d. h. 50,43 Prozent des damaligen gesamten Judentums und 4,1 Prozent der damaligen Bevölkerung Rußlands. Durch den Zerfall Rußlands und die Schaffung der Randstaaten ans den Gebieten des Zarenreiches, in denen die Inden besonders dicht wohnten, hat sich die Lage insofern geändert, daß innerhalb Sowjetrußlands oder — wie jetzt Rußland offiziell genannt wird — des V e r b a n d e s der Sowjetrepubliken die Zahl der Juden eine wesentlich geringere geworden i st. Auf 'dem Gebiet des europäischen Rußlands befinden sich nach der Zählung des Jahres 1920 2 626 667 Inden, d. h. 2,8 Prozent der G e s a m t b e v ö l k e r u n g; i m a f i a t i f ch e n N u ßtnnd: S i - b i r i e n , K a u k a s i s ch - T u r k e st n n nsw., 170 813 oder 0,5 Prozeit. Die erste Stelle in, bezug auf die Verteilung der Juden ninunt gegenwärtig in Europa,'absolut unb relativ, Polen ein, in welchem 1921 2 829 456 Juden oder 10,4 Prozent der ganzen Bevölkerung der neuen polnischen Republik gezählt wurden. Polen wird in dieser Hinsicht umvon den Vereinigten Staaten Nordamerikas übertrossen. Welche Folgen hatte n nun die R e v o l u t i o n i n R u si l a n d u n d d e r Abfall der N a n d st a a t e n für die w i r t s ch a f t l i ch e L a g e d e r I n d e n O ft e n r o p a §, n a m e n tlich S o w j e t r u si l a n d s . gehabt? Diese Frage flicht ein russisch-jüdischer Schriftsteller Jacob L e s ch t s ch i n s k y, der sich gegenwärtig in Berlin aushält, in einer Reihe von Arbeiten*) 311 beantworten, die in der jüdisch-deutschen Sprache, dem sogenannten „Jargon", erschienen sind. Bor einiger Zeit veröffentlichte er ein kleines, aber sehr inhaltsreiches Büchlein unter dem Titel ..Die Wahrheit über die Jliden in Rußland", auf welches eine }cf}t_ ausführliche Abhandlung über den „wirtschaftlichen Verfall des osteuropäischen Judentums" im soeben erschienenen Heft der „Blätter für Demographie, Statistik und Wirtschaftskunde der Juden" (Nr. 5. Berlin '1925) folgte. Diesen Arbeiten liegt ein sehr großes statistisches Material zugrunde, das zu einem großen Teil der Sowjetpresse bzw. den statistischen Beröfsentlichnngen der Nandstaaten entnommen ist, und welches mit Sorgfalt und grobem Scharfsinn kritisch bearbeitet wurde. L e s ch t s ch i n s f y geht davon aus, das; in allen gegenwärtigen Staaten Osteuropas die Lage der Juden gewisse Aehntichkeitcn ausweist, weil trotz des gewaltigen und Prinzipiell gegensätzlichen Unterschiedes zwischen der gegenwärtigen politischen und sozialen Struktur Sowjetrußlands und dem Politisch-sozialen System der Nandstaaten doch das gesamte öffentliche Leben der gegenwärtigen Staaten Osteuropas durch den Umstand in hervorragenden: Maste beeinflußt wird, daß das Bauerntum durch das Verschwinden der Großgrundbesitzer in mehr oder loeniger offener Form zur Herrschaft gelangt ist. Noch schwerer wurden die Juden betroffen durch das s 0 z i a l i st i s ch - k 0 n: m u n i st ische Experiment i n R n ß - ckand. L e s ch t s ch i n s k h beweist das durch folgende Beispiele: Nach der Volkszählung von 1597 waren tm Gebiet des jüdischen Ansiedlungsrayons von 100 Personen, die sich 'mit G e t r e i d e h a n d e l und G e t r e i d e e x p 0 r t beschäftigten, rächt loeniger 194 000 Inden, also mit ihren Familien etwa 500 000 Men- .scheu, d. h. fast der sechste Teil der damaligen; ü d i s ch e 1: Bevölkerung N ußland s. Es ist kein i Grund, anzunehmen, daß sich bis zur Revolution dieses Verhältnis wesentlich geändert hat. Ntrn hat die Getreideausfuhr aus Rußland wahrend einer ganzen Reibe vor: Jahren überhaupt ausgehört. In der: letzter! Jahren aber wird sic nach ihrem Wiederbeginn durch die Organe der Außenhandelskorrnnissariats der Sowjetregiernng durchgeführt. Das heißt mit anderen Worten, d i e Revolution hat einem f c f) r großen Teil der jü bi s ch e u Bevölkerung Rußlands die w i r t s ch a f t! i ch e E x i st e nz:n ö g l i ch k e i t g c n 0 m m c n. Vielleicht, noch wesentlicher lvar ein anderer Umstand. Vor der Revolution bestand die Tätigkeit des größter: Teils der Juden in der: Städten und Städtchen des bekannten ,2Ansiedlungsrayons" darin, daß sie wirtschaftlich zwischen Dorf und Stadt vermittelten. Sie taten das entweder als Handwerker: .Schueider. Schuhmacher nsw., die den Bauern ihre Erzeugnisse aus den: Marlh verkauften, oder als Händler, Ladenbesitzer, bei denen sich der Bauer die städtischen Erzeugnisse, die er brauchte, holen konnte. In den erstell Jahren der Kommunistenherrschaft, lvo der Handel überhaupt verboten lvar, *) DA auch „C. D.-Zeitung" Nr. 22, S. 332, dieses Jahrgangs. wurde diese Tätigkeit und damit auch jede EMenzmögliehleit der jüdischen Massen vernichtet. Seit der Einführung der sogenannten „neuen wirtschaftlichen Politik" (Nep) in: Jahre 1921, die seither eine Reihe von Wandlungen dnrchgernacht hat, wurde die Bewegungsfreiheit des Privatkapitals, namentlich des kleineren, allerdings größer, aber infolge der Revolution i ft das Bauerntum s 0 verarmt und kehrte außerdem in so großem Maße zur Heimindustrie zurück, daß die Bauern in der Stadt viel loeniger kauften als früher. Während z. B. 1913 in Rußland durchschnittlich ein Einwohner auf Kleider. Schuhe, Manufaktur- und Galanteriewaren 9,31 Goldrubel im Jahre ansgab. betrugen diese durchschnittlichen Ausgaben im Jahre 1923/24, also zu einer Zeit, wo es schon in 'Rußland in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutend besser geworden war, nur 3.5 Goldrubet. Es ist also klar, daß bei einer solchen Verarmung die Lage der H a n d w e r k e r und Vermittler im Handel sich außerordentlich verschlimmern mußte. In der Tat wird ar:ch in den Berichten aus den jüdischen Stadtchen in der jüdischen kommunistischen Presse Sowjetrnßlands fortwährend über große Arbeitslosigkeit geklagt. Dazu fommt noch, daß infolge der Sowjekgesetzgebung ein Handwerker, in dessen Werkstatt en: oder mehrere Gehilfen arbeiten, für einen Bürger erklärt ward, der „fremde Arbeit ausbeutet", wodurch er in die Gruppe eingereiht rvird, die höhere Stenern, höhere Wohnungönnete Zähler: -muß, den: das Wahlrecht in den Sowjets entzogen wird usw .. Vorläufig sind als Ergebnisse der b 0 I f ch ewisti - scheu Revolution für die große:: Massen des r u s s i s ch e n Jude u t u m s folgende Erscheinungen sestzustellen: Die Zahl der Handln er k er ist im ganzen früheren Ansiedlnngsrayon stark zurückgcgangen. So gab es z. B. 1924 in: Gouvernement Kiew 1783 Schneiderarbeiter gegen 3612 im Jahre 1895, in Podolien 1077 gegen 3151, in Eherson 573 gegen 1841 nsw. Ir: der Schneiderindustrie in Weißrußland und in der Ukraine, wo die Juden mehr als 99 Prozent aller registrierten Schneider ausnulchen, waren in der letzten Zeit nicht weniger als 25 bis 30 Prozent arbeitslos. Nach den Berechnungen des zitierten Verfassers verdient vor: den Juden in der Ukraine und Weißrußland — d. h. in der: Gebieten des jetzigen Rußland, in denen die Inder: an: stärksten vertreten sind — der fünfte Teil ü borst aupt nichts und e x i st i e r t nur dadurch, daß e x a u s Amerika von Verwandten oder von Behörde:: nute r st ü tz t wird. Wertere 15 Prozent verdienen zwar etlvas, aber auch lange nicht genug, um ohne amerikanische Hilfe auskommen zu können. Bei einer Statistik, die in der „Prawda" vom 1. August 1924 veröffentlicht worden ist, wurde z. B. festgestelli. daß in 43 Städtchen mit einer Eesamtbevölkorung von mehr als 90 000 Personen von den jüdischen Einwohnern nur 25 Prozent bestimmte Berufe oder Beschäftigungen haben, die übrigen 75 Prozent aber nicht angeben können, wovon sie eigentlich leben. Nur etwa 5 Prozent der jüdischen Händler und Krämer erweisen sich als so anpassungsfähig, daß sie auch unterm kommunistischen Regime „gute Geschäfte" machen können. Diese Minderheit, welche zur Kategorie der Schieber und Spekulanten gehört, die in Rußland jetzt „Nep- Leute" genannt werden, hat es übrigens verstanden, während der letzten Jahre einen hervorrageirden Platz auch in den großen russischen Städten zu erobern. Aber diesen prosperierenden Schiebern steht eine ganz verelendete Mehrheit der jüdischen Masse gegenüber. Es ist nicht einzusehen, rvie diese traurige Lage bei den gegenwärtigen Verhältnissen geändert werden könnte. Die Auswanderung nach den Bereinigten Staaten, die vor den: Krieg wesentlich zur Linderung der Lage der jüdischen Massen Rußlands beitrug, ist jetzt, infolge der neuesten Quotengesetzgebung in Amerika so gut wie unmöglich gemacht. Palästina kommt wegen seiner den Millionen Inden gegenüber, verschwindenden Aufnahmefähigkeit als Aufnahmeland nicht in Betracht. Hoffen wir, daß es gelingt, der: Inden an Ort und Stelle in den Ländern des früheren Zarerneiches ein gnädigeres Schicksal anzubahnen. Dr. I. Lcwin. Nichlyoscn-Ehl ring. Anläßlich der Beisetzung und Hebersührung des bekannten Fliegerhelder: v. Nichthosen legte die ornnffurtcr Ortsgruppe des Neichsbundes jüdischer Frontsoldaten mit Worten Max 6 i s e n k r ä rn e r § einen Kranz am Sarge nieder. In Berlin hatte der R j F eine Abordnung von zehn Mitgliedern unter Führung Walter Call man ns Zur Traueneier entsandt. An der Bahre wurde ein Kranz mit der Jnschrist auf der Schleife: „I n treuer Kamerads 6) a f t. N c i ch s b n n d jüdischer Frontsoldate n" n ledergelegt. Jüdische Weltsirranz? In den nächsten Tagen erscheint im Verlag Hoffmann n. Campe (Erich Reiß). Berlin nud Hamburg, eine Schrift „I ü bische W e l t f t n a n 3?“ (112 Seiten) von Tr. Richard Sciuin* s 0 hn (MvruS), dem Verfasser der eben in fiebenter, vermehrter Auslage (bei S. Fischer, Berlin) erschienenen „Umschichtung der europäischen Vermögen". Tie Arbeit, die sich mit der Stellung der Inden in der internationalen Wirtschaft nud Politik beschäftigt, ist von großer Wichtigkeit für unseren Kampf: wir werden noch eingehend auf sie znrüekkommcn.

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