Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 48 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- Seite 757 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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757 Von Professor Dr. H. Slcinlhal. Znm dritten Male werden dem deutschen Judentum und überhaupt der deutschen gebildeten Welt von her Gesellschaft zur Förderung der Willenschaft des Judentums Professor Tr. S teinthals Vorträge und Aufsätze über „Juden und Judentum" geschenkt. Die ersten beiden Auflagen wurden von Gustav Aar* pcIes, die neueste von Dr. N. Ni. Nathan (Hamburg) herausgegeben. Es ist ein seltener Genuß und Gewinn, diese Aufsätze, rn wundervoll klingenden Worien und Wendungen und mit heißlielxmder Feder für Juden und Judentum geschrieben, zu lesen. Wie viele jübifd>c führende Ntänner unserer Tage, die Juden und Deutsche ungeteilt zugleich sein wollen, besitzen ein so glühendes, ein so warmes Herz und vor allem eine so bezwingende schriftstellerische Gabe, tun das, was ihnen lesenswert und der Zukunft wert erscheint, frisch und frei hernnszumgen? Das alles vermag Professor Steinthal, und seine Aussätze über „Juden und Judentum" wären wahrhaft wert, der Rrnhe nach in diesen Blättern abgedruckt zu werden. Verbietet uns dies der Naum, so soll wenigstens der größere Teil seines Aussatzes „Das ausermählte Voll oder Inden und Deutsche" hier Platz finden. Möge diese Kostprobe in vielen unserer Freunde den Wunsch erwecken, dieses prächtige Buch zu besitzen, vor allem aber, es der reiferen Jugend schenken als einen Wegweiser, wie sie ihr jüdisch-deutsches und ihr jüdischreligiöses Leben emzurichteu haben. # „Tu sollst ein Segen fein.* (1. M. 32, 2.) ..Ich, Gott. Hobe dich berufen in Gnade., ich faßte dich bei der Hand. ich schuf und setzte dich zum DundeLvvik, zn^n Lickt der Völker.* (Jeß V2, 6) Sind wir das anservoähtle Volk? Wir glauben es. Und wieviel Haß. Spott. Tadel har uns dieser Glaube gngezogen. Welche Anmasmng! hat man gerufen, NalionalcinUeil und Telbstverherrlichuug: selbst der Tempelherr in Le'singe- ..Natlian" möchte uns verachten wegen dieser „Vten'cheumätelei'ß die wir aus 0'i)rift und Muselmann vererbt hätten! Hub doch gibt es aus Grden kein Volk und kein Völklein und Natiönchen. das sich nicht für das auserwählie Volt seiner Gottheit hielte. Jeder- Blatt der englischen „Times" ist ein lautes Tautgebet, „daß du uns nicht geschaffen wie jene''. Und wie der Magpar? und der Tscheche? Doch ich null nicht anzüglich werden und gedenke nur noch der beiden klassischen Völker, denen wegen ihrer Klassizität alle-:- verziehen roirb: der cblen öclfcncn. denen alle übrigen Böller dienen sollten, und der noch edleren B. bin er, welche selbst Hellas zu zertreten sich für berechtigt hielten. Ja. macht nur die Reise tun die Grdei von welchem Loct ihr empfangen oder auch abgewieien werdet, das werdet ihr als „auserwählt" begrüßen sollen, in Australien wie in Südafrika. Herrliche Sonne, du schaust aus lauter anserwählte Völker! Das auserwählte Volk nennen wir tins, nicht um die Höhe zu bezeichnen, aus welcher wir ständen oder iema'n gebunden hätten, nicht nur uns als die Vorzüglicheren unter unseren Mitmenschen hinzustellen, sondern um uns jederzeit die Kluft vorzuhalten, die unsere Wirklichkeit von der idealen Ausgabe der Sittlichkeit trennt, die Kluft zwischen nuferen Mängeln und dem von den Propheten gezeichneten Borbilde. Das Häßliche jeder Gemeinheit und Roheit soll uns noch abstoßender erscheinen, wenn wir sagen müssen, daß cs sich mm „Priestervolle" finde; und die Tugend, die wir uns zuzusprechen berechtigt wäreu, soll als unzulänglich ersck)einen, um als die des „heiligen Voltes" gelten zu töuueu. Ihr. weine Glaubensgenossen. nn die ich mich hier insbesondere wende, und ich. nur sind Deutsche — nur sind dies, lueil uns. die wir an der deutschen Sprache zum Teulen gereift und, von deutschen Dichtern geiüig genährt, von deutschen Forschern wissenschaftlich belehrt, die wir selbst unsere Heilige Schrift, „da? Erbteil der Gemelnde Jakob", nur verstehen, indem wir dieselbe in deutsche Rede ülrersetzen, die wir, mitten im Getriebe der deutschen Nationalarbeit stehend und mitarbcitend, von deutscher Sittlichkeit zur Tugend gestärkt werden — wir sind Deutsche, weit es uns, wie roir einmal sind, unmöglich ist. nicht Deutsche zu sein. Als ich Student der Berliner Universität war. hörte ich von einem beliebten Professor (Werder) Vorlesungen über Anthropologie, und da gab er auch eine kurze Charakteristik der vorzüglichsten Völker Europas und schließlich auch der Deutschen. Von diesen sagte er; „Tie Deutschen sind das Volk der Religion." Das batte mich erschüttert oder vielmehr freudig durchschauert. Sind denn nicht wir Juden das Volt der Religion? und die Deutschen find es auch! So bin ich denn von dem „dreifachen Faden" umwunden: Jude. Deutscher, Mensch, und der wird nicht reißen, und er soll auch nicht ausgedreht und nicht zerfasert werden. Nein, es ist kein Widerspruch zwischen Jndesein und DeutsckMsein und Mcuschsein, sondern diese drei schlingen sich so ineinander, daß wir das eine nur sein können, indem wir die beiden anderen sind, und es um so mehr sein werden, je mehr nur dieses sind. Der jüdische Deutsche kann zu den besten Deutschen zählen, und der deutsche Jude zu den besten Inden — man nenne ihn so oder so, er wird zu den Vesten Menschen zählen. Darum lieben wir das deutsche Vaterland und sind ihm dankbar; wir heute können nur dann gute Juden sein, wenn wir gute Deutsche sind, können aber auch nur dann gute Deutsche sein, »nenn wir gute Juden sind. Wir werben beides sein oder nicht sein mit einem Male. Jenes Wort „das auserwählte Volk" isr für uns eine geschichtliche Erinnerung von religionssittlicher Bedeutung, eine Merhmmg unserer Geschichte zu idealen! Streben, zur Selbstprünmg und zur Demut: es null sagen, daß wir Deutsche von nichtdeutstckeu Ahnen sind, daß mir aber in dem doppelten und verschmolzenen jüdischdeutschen Nationalgenrhl doppelte Veranlassung zur Menschlichkeit, zu jeder Art sittlicher Betätigung finden. Neben den Propheten begeistern uns Lesung und Herder. Kant, Fichte \:i\b Schiller. Goethe und beide Humboldt, die ek^nfowenig außerhalb de? deutschen Volke? erstehen tonnten, als die Propheten außerhalb Israels. Gerade jenes Wort soll im? fernhalten von der Art von Patriotismus, welcher der Humanitär widerspricht und eine Ausschließlichkeit alles Fremden fordert, wie sie nur in Ueberhebung und Vermessenheit möglich ist, welche sich schließlich dcch nur als kleinliche Eitelkeit erweist . . . Wir sind Deutsche voll und ganz, nach gesetzlicher Stellung und nach Beziehung des Gemüts. Die? wird dadurch nicht mffirjt und nicht gestört, daß wir eine andere Religion haben als dro weit überwiegende Bll ehrzahl unserer Mitbürger . . . .Vielfach freilich hat man gemeint und meint man wohl auch noch, jedes religiöse Bekenntnis schließe Haß und Verachtung gegen jede andere Religion in sich, und also rönne kein Staat bestehen, noch weniger eine Nationalität, in der verschiedene Beteimtnine vorhanden sind. Einheit des Staates und de? Voltes sei tiur möglich bei Einheit der Religion. Alle Bürger, forderte man, müßten dasselbe glauben und bekennen; und so sei germanisch gleichbedeutend mit christlich. Uns Juden hat man Haß und Neid gegen alle Völler angedichtet der allen Wett, des Mittelalters und der neueren Zeit, und was der Torheiten mehr und. Wir sind glücklich, in Zeiten zu leben, wo dergleichen Vorurteile nur noch in wüsten Köpfen leben, die, mögen'sie dem Fleische nach dem deutschen Volle angehören oder auch nicht, jedenfalls aber nicht Deutsche nach dem'Geiste sind, wenn sie auch zum Teil auf der Höhe der Gesellschaft stchcn. Indem wir die jüdische Religion bekennen, sprechen wir es allerdings tatsächlich, wenn auch stillschweigend aus, das; das Ehristentum nicht unsere Nekigivn ist --- aber weiter nichts. Solche? Befemüm? aber ist uns unerläßlich und unumgänglich. 1 IDein c7\lnd, Ich rate (Dir gut: *T)imm Bmiad&K Preis einer Dose 1,90 M. F.riilltlich in Apotheken, ihosenhandlungen und ein-ichlü^igen Geschäften. 0 c b r. Patennj.nn, Teltow- Berlin 14. Alleinige Anreisen-Annahme Rudolf Hossc, Anzeijicn-Annalimc iür samtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands CctlniSW J9, Ornihilnncc Gtrape 40- 4'J SOrt&lait , C!>cmn,tz DrerOkn 1 2liiiclc*pn Erfurt / granlwn a.M. i £aIU'(Snalc); £>atub ira / Hannover | Karlsruhe / Kolna.?ilr. ictpna I lo acawi'-m / iOani hetm / SDIimdjin / Nnrnlura l Cicl'ln | Slutigarr I A'nslcraanr / Öaralona | fiSaict J Budapest / Butzire.'l / Pr<nr / DarfN)UN / SSien / Zürich. n!_i -: r | I-1 | \n \ i —j ~~ y u \ \ ) DIE DEUTSCHE WERT-ZIGARETTE