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Central-Verein-Zeitung · 1925-11-27 · 48 (27.11.1925) · p. Seite 755

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
48 (27.11.1925)
Date
1925-11-27
Page
Seite 755 (sequence 5)
Language
German
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755 elne nicht avzuse'.'.gnmde Notwendigkeit. Man tauf; immer »nehr erkennen, das; die wirtschaftliche Gebundenheit der einzelnen Länder aneinander eine Tatsache ist, die man begrüben oder verwerfen, keinesfalls aber abändern könne. Das Problem uutji vielmehr daraufhin abgc stellt »oerden, das; alle Kräfte in Deutsch, l a n d die deutsche Schaffenskraft erhöhen und damit Deutschland befähigen, im gleichen Umfange auf dem Weltmarkt als Verläufer aujuiireteu, wie es zu kaufen gezwungen ist. Der Wille zur Verständigung erzeugt den Gei st von Locarno, und der Wille zum Loben erhält die A o l k s w i r t s ch a s r a n s r e ch t. Ter Wille zürn Leben liegt fest tin Judentum, wie an verschiedenen Beispielen nu§ der jübifdjen Lehre und Gc schickst? bewiesen wurde. Wir können von unseren Grundsätzen» als jüdische Menschen nichts aufgeben: denn sie sind mit uns geboren, und mir haben sie erprobt. Darum bedeutet uns auch Locarno ein Fortschritt, der Wahrheit, Necht u n d F r i e d e w imLebe n unseres Vaterlandes und der Menschen u n t e r e i n a n b c r bringeu werde. <£'■ f3 SS y WM!MMM *U) j f \p i i f| Gne zeitgemäße Äetrachtuiig Der Ku rfnrstendamm, die Prachtstrasie des Berliner Westens, die um die Jahrhundertwende mit pompö'-en Häusern bebaut wurde, wie sie Berlin vorher kaum gekannt hatte, gilt als das Symbol des neuen Berlins, aber nud) gleich, zeitig a l s Wohnsitz der jüdischen K a p; t a l i st e n , die pch -hier ein Prunkvoll-Protziges Heim errichtet haben. Die Juden Berlilrs sind denn allgemeinen Zuge nach dem SDefteu genau so gefolgt wie ihre christlichen Mitbürger, wenn wir auch durchaus nicht leugnen »vollen, das; prozentual im westlichen Berlin mehr Juden als in der Innenstadt und den östlichen, nördlichen oder südlichen Bezirken leben. Wer die Juden Berlins und damit die der anderen deutschen Städte mit denen i d e n 1i? i 3 i c r t, die in den luxuriösen Wohnungen des K u rs ü r ste n da m m s und anderer Prachtstraßen dos Berliner Westens wohnen, vergißt alle jene, die uüdj »uie vor ihr Domizil nur den Aleranderplatz herum aufgechlagen haben. Es ist in den Kreisen unserer christlichen Volksgenossen — auch derjenigen, die uns durchaus toohlgesinnt gegenüberstehen — ein »nett verbreiteter Irrtum, das; es nur jüdische Kapitalisten gibt, wobei man vornehmlich gerade an diejenigen Juden denkt, die in den Vierteln des »vohlhabendcn Berlins wohnen. Wie man in dem Juden den Kapitalisten schlechthin sieht, so verkörpert er den Typ des Unternehmers, so daß die Antisemiten #1 der Behauptung sich verstechen, das; das jüdische Unternehmertum und die jüdische Geldherrschast das deutsche Volk aussaugen. Den fleißigen, geplagten, ans ein Epistenzminimum beschrankten christlichen Deutschen werden die jüdischen Kapitalisten gegenübergestellt, die wie dre Drohnen von der Arbeit der anderen leben. Wir haben schon in unserem Aussatz „Der Untergang des jüdisä)sn Mittelstandes" (Nr. 46 vom 13. November) daraus hingewiesen, dost'k e i rr e S ch i ch t von der Wirtschaftskrise in Deutschland schwerer betroffen »vorden ist, als gerade der j ü d i s ch e Mittelstand, also auch diejenigen Kreise, die im Westen Berlins wohnen. Wenn »vir uns einmal aus den eleganten Wohnvierteln nach dem rÄexanderplatz begeben und von dort ans eine Wanderung durch die engen Straßen antreten, die zu den ältesten Berlins gehören lind mit ihren grauen Mietskasernen einen düsteren Eindruck Hervorrufen, der in lebhaftestem Kontrast zu den Prrmlhünsern des Westens mit ihren gepflegten Vorgarten steht, entrollt sich vor unseren Angen ein ganz anderes Bild: hier treffen wir das jüdische Proletariat, und wir werden daran erinnert, daß es nicht nur in Polen und R u ß! a n d , sondern auch in Deutschland zahllose jüdische Proletarier gibt. Mit den: U n t e r ga n g des j ü d i)che n Mittelstandes wächst das jüdische Proletariat! So manche Familie, die ihre Wohnung am Kursürstendamm noch besitzt, hat in ihr das einzige Besitztmn gerettet. Nach außen versucht sie noch den Schein der Wohlbabenheit mstrechtzuerhalten, aber ein Blick hinter die seidenen Bor. hänge belehrt lins, das; diese einst wohlhabende Familie nur noch den geringsten Teil ihrer Wohnung ihr eigen nennt, imb selbst einen bitteren Existenzkampf sichren mnf;. Die Ergebnisse der letzten Volkszählung vorn Juni d. I., die muh gleichzeitig eine Berufszählung war. liegen noch nicht vor, sie dürften al>or unzweifelhaft unsere Annahme bestätigen, daß der Prozentsatz der jüdischen A r b e i t n c i) m c t s i ch gegenüber dem der jüdischen Arbeitgeber — und nur diese könnte man doch als Kapitalisten ansprechen — erheblich vergrößert hat. Wie viele der früher selbständigen AaufIrute^ die um den Kurjürstendamm l/cnnu wohnen, sind pente als Ar;- gestellte tätigt, »nie viele der jungen jüdischen Mädchen jener einst re MM Familien sind heute gezwuligcn, im Bureau und Kontor zu arbeiten, um zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizusteuern. Nach der Berufszählung des Jahres 1007, der letzten in Delltschland. von der wir Zahlen besitzen, gab es unter der jüdischen Bevölkerung 104 031 Selbständige, diese Zahl hatte sich gegenüber der der vorlebten Zählung von 1895, bei der 105 319 gezählt wurden, um eine Kleinigkeit verringert. Dagegen zählte mau 1907 bcrcitö 86 446 jüdische AngeftclUe, davon 605! weibliche, während es 1865 nur 20 630 und nur 1223 weibliche gewesen waren. ®>it» Zahl Der jüdischer? Arbeiter belief sich 1907 aus 52 054, weibliche 12 68.2, während mm» 1895 56857 Arbeiter, von Dr. Kurt Zietenzlger. darunter 16 420 weibliche zählte. Der Prozentsatz der Selbständigen war damals bei den Juden. was gar nicht geleugnet werden soll, doppelt so stark wie bei der Gesamtb e v ö l k e r u n g, aber nur aus dem Grunde, weil Industrie unb Landwirtschaft als Betätigungsform für die Juden ausschieden und die meisten Juden dem ^audttsgewerGe angehörtcn. in dem zur »Führung eines eigenen Geschäfts, also zur Selbständigkeit, die geringsten Mittel gehörten, jedenüstb? wesentlich geringere als zu einem industriellen oder landwirtschaftlichen Betriebe, so das; man rächt berechtigt ist, die große Zahl der Selbständigen als wirl Inh? Kapitalisten anzn sprechen. Sehr interessant ist aber die Tatsache, die viel zu wenig besann! ist, das; 1007 die Zahl der j ü d i s ch e 11 H andwerter in Deutschland. also jener Kreise, die den Uebergang vom Proletariat zum Mittelstand bilden, sich aus 40 000 belief, und zwar gab es damals 17 108 selbständige Handwerker, 5795 Angestellte und 13 332chArbeiter, linier den Handwerkern zählten wir allein 11122 jüdische Schneider, 1818 jüdische Schuhmacher, 7009 jüdische Fleischer und 15t>0 jüdische Bäcker. Sebr treffend weist Segall, denen Erhebungen in der „Zeitschrift für Demographie und S-atistik der Inden" wir die verschiedenen statistischen Angaben verdanken, daraus hin, das; von; Handwerk allein in Deutschland damals mindestens 90 000 Juden lebten. Das sind die schichten, die um den Aleranderplatz wohnen. Nach den Ermittlungen der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin beträgt die Gesamtzahl der Steuerzahler in Berlin 41 OOö 3cnuten und 48000 Lohnempfänger. (Gegenüber der Berufszählung von 1607 hat also in Berlin die Zahl der Arbeitnehmer die der Arbeitgeber unter den Juden erheblich über- Nnaelt. Wenn auch diese Zahlen ans einer Schätzung beruhen, so dürsten sie, was das Verhältnis zwischen Unternehmer und Angestellten cmlxstrifst, für die Unternchmerseibe noch viel zu günstig sein. Galt als0 einst der K u r s ü r st e n d a m m als das Symbol des jüdischen W o b l st a n d e s und U n t e r n e h m e r t u m § , so müsste heute wieder der Aleranderplatz als das Wahrzeichen des wirtschastlicheu Niedergangs der jüdischen Deutschen gelten. Der Selbstmorö des Sorseamaklsrs- In Berlin hat sich eine grausige Schreckenstat zugetragen. Ein jüdischer Börsenmakler, der beliebt und cmgstehen war, ist mit Frau, und -Kind f r e»tv i l l i g aus den; Leben geschieden. Beispiele sind beweiskräftig, sagt schon ein lateinisches Sprich» wort. Das schreckliche Geschehnis hat allgemeines Aussehen und in »veitesten Bevölkerungskrcisen Mitgefühl erregt. Es beweist die Tat» sacho. aus die in dem leitenden Aufsatz der Nnmmer 47 der „E. B.« Zeitung" und in: vorstellenden Aussatz hingcwiesen ist, das; der j ü d i s che M i t te lsta u d dem Untergang e n tgeg e nge h t. Alle Woche erfahren wir von jüdischen Selbstnwrden. hören, dast Familien. Träger angesehener Namen, hinter verschlossenen Türen: um ein Stückchen Brot ringen. Wir wissen, daß die jüdischen W 0 h l f a h r t s st e! l e n sich alle Mühe geben, der täglich weiter um sich greifenden N 0 t des Mittelstandes zu steuern. Mehr »väre zu erreichen, wenn die zuständigen Instanzen einmal an der Hand von Beispielen llipp und klar in der Presie Nachweisen würden, loie weit die Notlage bereits vorgeschritten ist und welche Wege, der Not, dem Elend zu ln'gcgneip von Genwinde- und privaten Jnsti« tutwnen l>cga:;gen werden. Es scheint uns hoho Zeit, daß die jüdisch? Degen stichlest darüber ausreick-end unterrichtet wird; denn mir durch eine Art H i l f e f e l d z u g t n größter Öeffctxt- 11 tfj t c i t tarn; vielleicht noch neues Unglück, »teuer Selbstmord bereutet werden. Wir »vollen nicht l^rgessen, daß. so »vertvoll ein Mensck)enlebe»r überhaupt ist. cs sich hier oft um Persönlichkeiten und Familien handelst deren Häuser in guten Zeiten ein Hort künstlerischer, literarischer und jüdisch-humaner Bestrebungen gewesen sind und deren kulturell hochM)ende Haushaltsühruug wenig Nachfolge gefunden hat.

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