Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 48 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- Seite 754 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277617--02564-3537521- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
754 Antisemiten waren. Friedrich der Grosze konnte die Juden nicht, .leiden, Schopenhauer, Treitschke, Eugen Dühring, Lergarde u. a. haben sich scharf gegen sie ansgesprochen, ein so großer Mann wie der- Freiherr vorn Stein war ihnen wenig gewogen. Von anderen Leuten sind zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens Aeußerungen verschiedener Art über sie gefallen. Bismarck und Moltke haben beide in jüngeren Jahren sich abfällig geäußert und beide im Alter nicht an ihren Aeußerungen sestgehalten. Luther hat erst oann gegen die Juden scharfe Worte gesunden, als er zu seiner grimmigen Enttäuschung erleben mußte, daß es seiner neuen Form des Ehristentmus nicht gelang, sie Zn bekehren. Goethe hat gelegentlich unmutige Worte über das Judentum gesprochen, was ihn nicht gehindert hat, Mose? Mendelssvhn und Felix Mendelssohn hochzuschätzen, wie er überhaupt Rassenantisemrtismus nicht gekannt hat. Fichte hat die Vorurteile seiner Jugend später aufgegeben und mit aller Kraft seiner Persönlichkeit als Rektor der Universität den Kampf um das Recht eines Inden geführt. Kant zum A n t i s e in i t e n zu st e m p e l u i ft einfach! ä che 11 i dj angesichts seiner Freundschaft mit Moses Mendelssohn und Marcus Herz. . Aber mögen immer eine ganze Anzahl bedeutender Männer vorhanden sein, die Judengegner waren, und mögen andere gelegentlich unmutige Aeußerungen getan haben, das Unzulässige dieser Art Beweisführung liegt darin, daß alle die w e g g c l a s s e u sind, von dene n man beim b e st e u Willen nicht eine a n t i s e m i t i s eft e Aeußerung bei bringen kau n. Nie wird man in den Katalogen der Antisemiten den Klopstock. Lessing, Wieland, Herder begegnen. Jean Paul, der auch nicht zu den Geringsten gehört, war intim mit - einem Inden befreundet, zu Hegels engstem Kreise gehörte Eduard Gans. Auch von S ch e t l i n g wird man nichts Antisemitisches beibringen können. Daß Alexander und Wilhelm von H u nt - bvldt nicht nur keine Antisemiten, sondern ausgesprochene Freunde der Juden waren, ist wohlbekannt. Der Kerndeutsche Johann Peter Hebel hat in seinem Schatzkästlein den Judenhaß bekämpft. Von den großen Dichtern "des 19. Jahrhunderts genügt es, Gottfried Keller zu neunen, der sich scharf gegen den Antisemitismus ausgesprochen hat. Wenn irgend jemand berufen war, darüber zu urteilen, ums deutsch ist, so waren es die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm — man wird bei ihnen vergeblich nach Antisemitismus suchen. Das Schweigen dieser. Männer redet Bände. So leicht es ist, die Liste derer, die einmal gegen die Inden sich geäußert haben, zu vermehren, wobei dann immer noch die Frage aufgeworfen werden kann, ob es sich in diesem Falle auch um einen wirklich bedeutenden Mann handelt, so leicht und noch viel leichter ist es, lange Listen bedeutender Männer und Frauen aufzustellen, die von jedem Antisemitismus frei waren. War etwa Annette von T r o st e - H ü l s h o s f. die Dichterin der „Judenbuche", antisemitisch? War es Windhorst, der bedeutendste katholische Führer Deutschlands? Doch cs hieße uferlos werden, wenn man alle die aussühren wollte, die aktiv für die Gleichberechtigung eingetreten sind. Nur zwei Namen von Juristen seien noch genannt, G n e i st und DJ u d 0 lf v o n Jherin g. einer der.wenigen, deren ostfriesische Herkunft ihr „rassereines Germanentum" verbürgt. Jherings weltberühmte Schrift „Ter Kamps ums Recht" mit dem Motto „I m Kampfe sollst du dein Nech t finden" ist nicht zuletzt auch für Juden geschrieben. ■ PrsUnZlÄ-LenLkagsntchlen au ölsfern Sonntag. In den Arcifberr Provinzen Preußens wählen die stimmberechtigten, ihrer Verantwortung bewußter: Männer und Frauen am 29. November die Abgeordneten für die ProvluziatiaudLage und Konnnnnalkörpersch asten. Keiner unterschätze die Wichtigkeit dieser Wahlen und glaube deshalb, das; es aus seine SLrnnue nicht ankonnne. Wichtigste Fragen, die den engsten LcbcnStreis eines jeden von uns betrcsscn, werden kn diesen Körperschaften entschieden. Gerade der jüdische Deutsche, die jüdische Deutsche, denen durch die Verfassung alle Rechte zugcsrchcrt sind, müssen darüber wachen, Las; die Anschauungen unserer Gegner nirgends die Oberhand gewinnen und die Grundsätze VeS Rechtes ihres Sinnes beraubt werden. Darum: Wählt am 29. Novembers Locams unö die Mischen Deutsthen. Ein Vortrag von Luvwig Hottärwer. In einer Versammlung unserer Ortsgruppe Essen sprach om 19. November der Direktor des C. B., Dr. Ludwig Hollän. der iVerlin). über das jetzt so bedeutungsvolle Thema „Locarno und die jüdischen Deutschen . Er führte im wesentlichen solgendes aus: Die Zusammenstellung Locarno — jüdisch Deutsche mag aus den ersten Blick erstaunen. Sie ist aber begründet. Ter Begriff „jüdischer Deutscher" ist absichtlich gewählt worden, weil es sich - hier nicht um - eine inner) n dische Frage, welcher der Be- Zeichnung „d e n t s ch c r Ind e" mehr entsprochen hätte, sondern um die Stellungnahme des jüdischen Teiles der deutschen Bevölkerung zu den wichtigsten Problemen der deutschen Gegenwart handelt. Ein erheblicher Teil derjenigen, die Locarno bekämpfen, Inn dies ans dem Gesichtspunkt heraus, daß hier, ebenso wie bei dem D a w e 8 - A b k o m m e n, ein Sieg des „j üdi. scheu G e i st c s" und des „internationalen jüdischen F r n a n z t a p i t a I §" zu verzeichnen sei, und deswegen müsse das Abkommen als im Widerspruch zu den deutschen Interessen stehend bekämpft werden, wie überhaupt der „jüdische Geist" und das „internationale jüdische Finanzkapital" dem Deutschtum besonders schädlich seien. Will man das Wesen von Locarno erfassen, will man das Problem erst richtig stellen, so muß man prnfeü, was L o c a r n o b e d e n t e t. Infolgedessen unterzog der Vortragende zunächst den Inhalt des Locarno -Ab ko m m e n s und der D a w e s - B e r t r ä g c einer eingehenden Untersuchung und nannte ön wesentlichen Grunde, mit denen die Gegner des Abkommens ihre a b l e h n e n de Haltung rechtfertigen. Dann ging er zu den Beweggründen der den Verträgen freundlich Gennnten über und stellte feit, daß von den Anhängern der Vertragsschliche zugegeben werde, die Positiven E r g e b n i s s e würden rm Vergleich mit dom sogenannten Geiste von Locarno, der das Wesentlichste des Erreichten [ei, unerheblich sein. Dieser Geist wird sich, une man sagt, erst in Zukunft answirken und der Welt die Befriedung geben. Wer Locarno abgeneigt ist, begründet diese Tatsache damit, daß er ans diesen Geist nichts gebe, weil kein ernster W i 11 c dahinter stehe imb ein ernster Wille zum Frieden auch nicht vorhanden sei. Dem Judentum, so führte der Redner weiter ans. ist aus Religion und Erfahrung die Bedeutung des Geistes, des Friedens für die Menschheit besonders ausgegangen; das beweist zunächst das Fri ed en side a l der jüdischen Religion, welches seit allem AnW-ginn im Frieden das Höchste der menschlichen Güter erblickt hat. Diese Stellungnahme bedeutet aber nicht etwa einen charakterlosen Pazifismus, sondern erstrebt nur die wahre Versöhnung der M e n s ch e n k l a s s e n und der Völker unterein ander. Der Vortragende legte an Hand der Bibel und der jüdw sch e n Gebete dar, wie mit jedem jüdischen Mensckzen. der Friede,isgedanke^ .eng verbunden ist und wies anderseits an Beispielen der Geschichte nach, daß nur Friede, Versöhnung und Verständigung die Menschheit festigen und Kultur, erzeugen und schassen könne. Dieser Geist der Verständigung hat in der in den letzten^Jahrzehnten immer mehr heransgearl-eiteten Lehre von der Solidarität eine genauere Erklärung gesunden und die Möglichleit erstrebenswerter Entwicklung gezeitigt. Allerdings kann die Solidarität nur in ganz wenigen F ä lll e n , wie bei Erdbeben usw., ein Gut der gesamten Menschheit sein, im übrigen gilt es, eine sogenannte partikulare So l i d a r i t ä t zu erstreben, tveil eine gesamte eben unmöglich ist. Solche partikulare Solidarität gibt aber dein einzelnen Stamm im Staate und einzelnen Völkern in ihrem. Verhältnis zueinander die größtmögliche Eniwicklnngsfreiheit und ist deshalb im nationalen wie im Menschbeilsinteresse ein Gebot der Stunde. Sie hat mit I n t e r n a t i o n a l i s m n s i m S i n n e d e r A u s g a b e des eigenen Volkstums nicht das geringste zu tun. Tie jüdischen Deutschen sind durch Religion und Entwicklung jedem Gedanken zu geneigt, der einen Geist der Vorständigung und Befriedung schasst, und haben also Anlaß, da§ Vorhandensein dieses Geistes zu bejahen, der in höherem Maße Bürgschaft für Gerechtigkeit und Frieden bietet als unter Umständen positiv erreichte Ziele, die ja auch nur durch den Geiste der Verständigung gesichert werden könnten. Wenn in diesem Zusammenhang von dem internationalen Finanzkapital gesprochen wird, das im Dawes-Abkommen seinen Triumph zuungunsten Deutschlands gefeiert hätte, so chnns; endlich einmal in allen Kreisen der Bevölkerung auf den Unsinn hingcwiesen werden, der in diesem Begriff de3 „internationalen jüdischen Finanzkapitals" liegt. Dr. Holländer wies dann auf eine neuerdings von Hitler gehaltene und viel verbreitete Rede hin, in der dieser der volkswirtschaftlichen Grundbegriffe nicht mächtige Redner die Volksmassen in unklarer Weise zu bereden sticht,. und legte klar, wie gering die Vedentnng der Inden in der internationalen Finanzwelt tatsächlich ist. Tie Zeiten, in denen das Bankhaus Rothschild durch Kreditverweigerung Kriege verhindern konnte, sind längst vorüber. Eine Ausschaltung sremdm Kapitals in der deutschen Volkswirtschaft ist heute ganz unmöglich. Deutschland kann sich, insbesondere nach dem unglücklickM Kriege, nicht allein mit genügend Getreide versorgen. Eine Verknüpfung der deutschen Volkswirtschaft mit den anderen Ländern ist deshalb