Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 47 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- Seite 745 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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745 Hegen öre Heschimpfung öer jüöiscben Stuüenten. Eine Kundgebung des K. C. im Herrenhanse. Das Kartellkonvent der Vertretungen, deutscher Studenten jüdischen Glaubens (St. E.) hatte 311111 letzten Sonntag zu einer Kundgebung im ehemaligen Herrenhanse in Berlin cingeladen. Diese kann als ein besonders wichtiges Glied in der ununterbrochenen Kette von Kämpfen nur Gleichheit und Gerechtigkeit, die der K.C. seit seinem Bestehen und in'erhöhtem Maße seit der Revolution an den deutschen Hexchschulen auszukämpfen hat, angesehen werden. Es mag vielleicht seltsam erscheinen, das; ein studentischer Verband durch eine große Versammlung in der breiten Oesieutlichkeit für seine Ziele zu wirken versucht. Dieser Nus an die Oessentlichkeit wird jedoch verständlich, wenn man die Art und Weise überschaut, in ivelcher der K. C. in seinem Kampf für so hohe und ethische Ziele von der Allgemeinheit der Akad^mikcrschaft herabgerissen wird, soweit man ihm nicht überhaupt völlig gleichgültig gegenübcrsteht. Dabei ist kaum jemals in der deutschen Geschichte der Kamps um Deutschlands Zukunft in so starkein Maße gerade an den Hochschulen geführt worden, wie in diesen Tagen. Schon kurz nach dem Kriege konnte man aus den mannigfachsten Gründen an den Hochschulen ein neues Ansslackern des Antisemitismus beobachten als Ausslus; der irrigen Uederzeugung vieler, die da glaubten, die Juden hätten ihre Pflicht im Felde nicht getan. Ter Antisemitismus beruhte, soiveit er überhaupt einen geistigen Hintergrund hatte, auf der Auffassung, dem einzelnen Inden oder den Juden im allgenieineii seien bestimmte Verfehlungen vorzuwerfen. Daher richtete sich die Gegnerschaft aiich anfangs überwiegend gegen einzelne Juden. Die Gegnerschaft war schwer, der Kamps aber grösstenteils ein studentischer mit studentischen Zielen. Das änderte sich mit der Ausnutzung der neuen studentischen Verjassung für die Zwecke der Antisemiten und mit dem Einbringen völkischer Gedankcngänge in die S t u d e n t e n s ch a s t. Man begann sich das Dogma zu eigen zu machen, das Blüher wohl als erster in so logisch-unlogischer Weise behandelt, daß die Juden als Gesamtheit, selbst wenn sie im einzelnen vorwurfsfrei dastehen, unter allen 11 .m st ände n z u bekämpfen und ans Deutschland herauszudrängen seien, weil sie als ewiger Fremdkörper jedes Tentschtum unrettbar vernichten müßten. Mit dem Eindringen dieser Gedankengänge ergriff der Antisemitismus außerordentlich große Teile der Studentenschaft. Er trieb sie auch zur Annahnie einer Kam p s e s w e i s e , die geeignet erscheint, tatsächlich den inneren Frieden und die Zu tun st des deutschen Volkes zu untergraben. Während Teile der Studentenschaft oft genug nicht vor den ungerechtesten und brutalsten Gewaltakten zurückschrcckten, versuchten andere, alle irgendwie in Betracht kommenden Vcrsapuugsbestimuumgen zum Nachteil der jüdischen Studeutenvertreter 311 ändern oder gar nicht aus sie anzuwenden. Bei dieser Abänderung der Großdeutschen Studentenverfassung ging man von dem Gedanken aus, daß jüdische Studenten überhaupt keine Deutschen seien und trug dieses Prinzip, soweit nur irgend möglich, bis in die kleinsten Bestimmungen über das studentische Leben. Wo solche Versuche scheiterten, griff inan zur Selbsthilfe und schreckte auch nicht davor zurück, in aller Oeffentlichkeit die peinlichsten Situationen zu schaffen. Bekannt ist das Zunehmen der Sitte, bei öffentlichen Auszügen bewusst Abstand von den jüdischen Teilnehmern zu 'ten. Das hat in Berlin zu einer Ohrfeigenszene zwischen einem jüdischen und einem völlischen Chargierten während eines Aufzuges Unter den Linden geführt, während in Bonn a. Nh. daran beinahe die Teilnahme der gesamten Studentenschaft an der Jahrtau sendsewr gescheitert wäre. Während in Berlin die Verbindung im K.E. ^ilesia aufgelöst wurde, konnte der Nektor der Universität Bonn durch vorbildliches energisches Eingreifen mit Hilfe der vernünftigen Elemente der Studentenschaft die Ordnung in Kürze wieder Herstellen. Selbst die Fälle mehren sich, in denen Verbände s i ch weigern, i m sportlichen W e i t k a m p f mit ihre n j ü d i schen Kommilitonen a n z n t r e t e n. Aus diese Weise wird es den jungen Studenten bereits vom Tage ihres Eintritts in die Verbindung an vor Angen geführt, daß alle Juden nach völkischer Meinung Deutsche und Menschen zweiter Ordnung seien und daß, wer sie verteidigt. ihnen gleichzuachten sei. So wird der Kamps um die st u d e n t i s ch e Gleichberechtigung z u m St a m p f mit Gerechtigkeit und Ordnung in Deutschland, der Kampf gegen völkische Unduldsamkeit zum Kampf um Deutschlands Zukunft. Dr. Kurt Braun. Der B e r s a m m l u n g s b e r i ch t. Zur Veranstaltung im Herrcnhcmse hatte das K u l t n 8 m i n r st e r i u m den Referenten für Universitätsangelegenheiten entsandt, das Polizeipräsidium Berlin und fast die gesamte führende Presse waren vertreten. Selbstverständlich fehlten auch nicht Abgesandte der großen jüdischen Organisationen und alle diejenigen, die im politischen Leben zn finden sind, wo um das Recht gerungen wird, darunter einige bekannte Abgeordnete- Als erster Referent führte Tr. Hermann Berlak eine traurige Reihe von Entrcchtungsversuchen auf, die man gegen die jüdischen Studenten unternommen hat. So gab er einen Ueberblick vom Ausschluß der Juden aus den studentisck-en Verbänden bis zum Beschluß der Burschenschaft, der Juden- und Negerweiber auf eine Stufe stellt. Er behandelte die Versuche, auf dem Umweg über die Studentenvertretungen die Juden von allen Veranstaltungen möglichst auszuschließm bis zu den Bemühungen um Einführung des numerus clausus. Mit Recht wies der Redner darauf hin, wie selten die Behörden der Hochschulen hier e i n z n s ch r e i t e n pflegen, und wie, hierdurch ermutigt, die Vertretungen an den Hochschulen sich bis zu Eingriffen in die allgemeine Politik verstiegen haben. Tann wies Herr Rechtsanwalt Tr. Bruno Weil besonders aus die Gefahr hin. die aus den jetzt herrschenden Zuständen an den Hochschulen in kürzester Zeit für das ganze Volk entstehen müssen. Gerade wir Deutsche, die wir daraus angewiesen sind, von anderen Völkern zu verlangen, daß sie in ihren Beziehungen zu uns und den außerhalb unserer Landesgrenzen wohnenden Volksgenossen sich nur von den Gedanken des Rechts leiten lassen, müssen innerhalb unserer Landesgrenzen besonders auf Jnnehallung des Rechtsgedankens Wert legen. An den Universitäten aber müssen Lehrfreiheit, Lernfreiheit undKoaGtio n JJ rei - h e i t auch weiterhin herrschen. Tie Koalitionsfreiheit aber wird zur Unfreiheit, wenn sic dazu dient, irgendwelche Minderheiten zu unterdrücken. Tas neue Deutschland kann nicht einseitig völkisch erzogene Männer als Richter und Verwaltungsbeamte an seiner Spitze dulden. Gerade die jüdischen Studenten an den deutschen Hochschulen haben die doppelte Aufgabe, als Juden und als Tcutsche dem Rechts- und Aienschlickkeitsgedanken gleichermaßen zum Erfolge zu verhelfen. Tas Schlußwort batte der Vorsitzende des geschästsführcnden Ausschusses des K. C„ Tireklor Tr. Ludwig Holländer. Er legte dar, wie sehr bei den augenblicklichen Mißständen an den deutschen Universitäten die Suggestion der Masse schuld sei. Wenn wirtlich die Hebung der Sittlichkeit und damit der Vvltsgemeinschaftdurch die ^taatsleitung erreicht werden soll, so findet sie durch Einwirken auf die unhaltbaren Zustände an den Universitäten die beste Gelegenheit, sich zu bewähren und das Volt zu einen. Saltenburg unD Manfred Georg schreiben. Ter Aufsatz in der letzten Nummer der „E. V.-Zeilung": „Kabaretts, W i tz b ü ch e r, heitere Wochenblätter " n n d d i e »Jüdische Witwe'" hat der Schristleitnng eine Reihe von Zuschriften eingetragen, die schon rein durch ihre Zahl beweisen, wie lebhaft der Widerhall ist, den der Aussatz gesunden hat. Die Zuschriften sind verschiedenster Art. Allgemein spricht aus ihnen die En t r ü st u n g über die Zustande in den Kabaretts, und verschiedene Vorschläge zur Abhilfe, darunter recht drastische, werden gemacht. Besonderes Interesse werden ztvei Zuschriften beanspruchen, die zu unserer Beurteilung von Georg Kaisers „Tie jüdische Witwe" Stellung nehmen. Tie erste ist von Direktor Heinz Saltenburg, dcnr Leiter des Theaters am Schisfbauerdannn, an den Direktor des Bühnenvereins, Dr. Arthur Wolfs (Berlin), gerichtet und lautet: „Ich habe dieses Stück, welches ja bereits von Neinhardt und Jessner angenommen war, ausgeführt, weil ich es für eine Dichtung halte, und ich eine gewisse künstlerische Verpflichtung fühlte, in dieser Zeit, die von ausländischer Literatur überschwemmt wird, einen deutschen Dichter zu Worte kommen zu lassen, der zu den Ersten zählt. Sie wissen, daß gerade mir nichts ferner liegt, als irgendwie gegen den jüdischen Glauben Stellung zu nehmen. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, daß dieses Werk nicht gegen das Judentum, sondern einzig und allein gegen den Dichter Hebbel gerichtet ist. Als die Generalprobe der „Jüdischen Witwe" stattsand, saß ich mit 39 Grad Fieber im Theater und hatte naturgemäß nicht die Widerstandsfähigkeit, trotz heftiger Einwände, die ich machte, gegen den Dichter und Regisseur, die beide fanatisch an dem Geleisteten hingen, aufzukommen. Sofort nach der zweiten Vorstellung habe ich alles irgendwie Bedenkliche gestrichen. Ich habe außerdem alle mir befreundeten Juden befragt und habe von keinem erfahren können, daß er sich irgendwie durch die Aufführung in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt. Es würde mich mit großem Bedauern erfüllen, wenn jüdische Kreise an diesem Stück Anstoß nehmen sollten, und ich wäre Ihnen persönlich ungemein verbunden, wenn Sie, soweit die Möglichkeit vorliegt, aufklärend wirken wollten. Ich hoffe, daß diese Erklärungen genügen werden, um darzulegen, daß von meiner Seite aus unter gar keinen Umstanden irgendein Angriff oder eine Nichtachtung gegen den jüdischen Glauben zum Ausdruck gebracht iverden, sollte, imd bin Ihnen für eine Aufklärung in dem von mir gegebenen <einue ungemein verbunden." Tie zivcite hat der Thcatcrkritiker der „Berliner Volks- Zeitung", Dr. Manfred Georg, an uns gerichtet. Sie lautet: „Den Aufsatz Tr. Alfred Wieners in der vorigen Nummer der „C. V.-Zeituug" wird sicher jeder mit großem Interesse gelesen haben. Es war voranszusehen. daß die Aufführung von Kaisers „Jüdischer Witwe" in weiten jüdischen Kreisen diskutiert und abfällig ausgenommen werden würde. In der Tat hat ja auch nicht mir'die „(y. V.-ZeiiungF sondern auch manches andere Organ der jüdischen Oessentlichkeit (etwa Hellmanu in der „Jüdischen Rundschau") zu dem Werk und seiner Inszenierung Stellung genommen. Es ist durchaus begreiflich, wenn das Thema in der Kaiserschen Auswertung und der szenischen Illustrierung durch Martin Befremden und Abwehr hervorgerufen haben. Doch scheinen mir Wiener)